… es schadet das Verweilen uns beiderseit.
Was Martin Opitz im Barock so schön formulierte, mag auch für die letzten zwei Monate meines Washington-Aufenthaltes gelten. In Anbetracht der Tatsache, dass die Verweildauer von vornherein so stark beschränkt war, habe ich versucht, so viel wie möglich zu unternehmen. Darunter hat die Aktualität des Blogs zwar gelitten, doch ist mein Entdeckergeist dadurch nicht zu Schaden gekommen. Um die achteinhalbstündigen Arbeitstage herum ist so einiges an Geschichten und Kuriosem, von neuen Orten und bekannten Stätten zusammengekommen, von dem ich hier nun stichpunktartig berichten werden.
Roadtrip durch Maryland und Delaware
Mit Philipp, den ich dankenswerter Weise durch geschickte Vermittlung kennenlernte, bin ich am vorletzten Mai-Wochenende auf einen Roadtrip an die Atlantikküste aufgebrochen. Der Trip dauerte nur einen Tag, führte dabei aber durch zwei Staaten (Maryland und Delaware) und in drei Städte: Ocean City, eine 180 Straßen lange, ziemlich öde Touristenkolonie, die komplett ohne Bäume, aber mit sehr vielen Billighotels, die in architektonisch fragwürdigen Konstruktionen untergebracht sind, auskommt. Keine Frage, der Strand war sehr gepflegt, makelloser Sand und viele Möwen, doch fehlte die Atmosphäre. Interessanterweise hing im Männer-Strandklo ein Schild, auf dem stand, dass es durchaus vorkommen könne, das weibliches Reinigungspersonal diese Toilette zu säubern gedenkt. Vor sowas muss hier gewarnt werden, die Prüderie verlangt es. Aus diesem Grund habe ich mich auch nicht getraut, den Fotoapparat rauszuholen, um besagtes Schild abzuknipsen. Das hätte mir ja irgendwie negativ ausgelegt werden können…
Schon besser war es in Bethany Beach, einem mittelgroßen Badeort, der bereits in Delaware liegt. Am schönsten und von der Atmosphäre her einer Mischung aus Kühlungsborn und spanischem Ferienort gleichkommend, war es jedoch in Rehoboth (einem Ort, den ich immer noch schwer aussprechen kann): In einem urigen Seafood-Laden gab es leckere Fish and Chips für uns und eine längere Pause vom Fahren.
Das Fahren stellte sich so gemütlich und halt auch tatsächlich langsam dar, dass man dabei fast vergessen konnte, dass man in einem PT Cruiser durch die Lande fährt. Durch Lande, in denen die foreclosure- und for sale-Schilder wie Pilze aus dem Boden wachsen, durch Lande, in denen dennoch munter weiter instabile Holzhäuser direkt an die Küste gebaut werden und durch Lande, in denen jeder noch so kleine Ort voller großer Grundstücke mit einem makellos gepflegten Rasen, jedoch fast immer ohne Blumen ums Haus über eine Kirche verfügt, in der die Lösung aller Probleme versprochen wird, welche letztlich in GOD bestünde. Eine Fahrt durch amerikanisches Herzland ist dann doch mal eine erkenntnisreiche Abwechslung zur funky hip town Washington, DC.
Memorial Day
Nach der Rückkehr vom Roadtrip stand gleich am folgenden Sonntag die bekannte Motorradrallye der Kriegsveteranen an. Vom Reflecting Pool fuhren sie mehrmals um die Mall, eine nicht abreißen wollende Schlange röhrender Maschinen mit patriotisch gekleideten und grüßenden Fahrern. Am Straßenrand begeisterte Menschen, die versuchten, die Fahrer abzuklatschen. Einige amerikanische Originale waren dabei, Uncle Sam hat also einen Führerschein und lenkt damit ganz schwere Maschinen…
Am Memorial Day, dem 25. Mai, fand dann eine Parade statt, die in ihrer Bildsprache das beste aus Revolutionsromantik, Militärverehrung und Disneyland verband und mir einfach ständig Anlass zum Schmunzeln gab. Ein Laden in Downtown DC hat am Memorial Day sicherlich besonders hohe Umsätze gehabt: Der Obama-Andenken-Shop. Hier gibt es alles, was ein Obama-Fan braucht, von Obama-Tassen über Michelle- oder Bo-Untersetzer bis hin zu programmatischen T-Shirts, die unmissverständlich zeigen, welchem politischen Spektrum man anghehört. Schwer vorstellbar, dass es Angela Merkal jemals auf irgendeines dieser Produkte schafft, noch schwerer vorstellbar, dass dieses Produkt dann tatsächlich gekauft wird.
New York
In der ersten Juni-Woche nahm ich mir zwei Tage Auszeit von der Arbeit und fuhr für vier Tage nach New York City. Ganz auf mich alleine gestellt, entdeckte ich Viertel und Restaurants, die wir vor vier Jahren nicht besucht hatten. Natürlich, es zog mich auch an die bekannten Orte wie den Times Square oder den Battery Park, eine Fahrt mit der Staten Island Ferry musste ebenso sein wie ein Gang über die Brooklyn Bridge während der Dämmerung, doch waren die ausgiebigen Spaziergänge in Vierteln wie Clinton (westlich von Midtown), in der Lower East Side, im East Village oder auch in Harlem interessanter und vor allem realer als die von Touristenmassen bevölkerten Hotspots.
In der Lower East Side habe ich sowohl in einem polnischen Restaurant Pierogi gegessen als auch bei Katz´s Delicatessen das berühmte Pastrami-Sandwich probiert. In diesem Deli spielte übrigens die Szene aus Harry und Sally, in der Meg Ryan Billy Crytal einen Orgasmus vorspielt. (Zum Glück war ich ohne weibliche Begleitung unterwegs.) Abends war nur Navin, ein Brite auf Zwischenstopp in New York, mit dabei; zusammen waren wir in einigen Bars, ebenfalls in der Lower East Side, so habe ich auch etwas vom Nachtleben dort mitbekommen.
Gewohnt habe ich wie schon vor vier Jahren im Chelsea International Hostel, 20th Street, nahe der 8th Avenue, die als Hochburg der Gay Community gilt. Auf dem Weg zum Hudson River lernte ich diesen Neighbourhood aber auch anders kennen: Chelsea Market mit einem in einer ehemaligen Keksfabrik untergebrachten Food Court verströmte jene Mischung aus Altem und Neuem, Zerfallendem und neu Entstehendem, wie es für Metropolen wohl nötig ist, um als weltweit bedeutender Trendsetter zu gelten. Das gleiche gilt für den extrem fotogenen Meatpacking District, indem an einigen Ecken noch immer Schweinehälften verladen werden, während gegenüber die Nobelboutiquen und Computerläden aufmachen. Greenwich Village und SoHo, Little Italy und Chinatown waren die nächsten Stationen dieses langen Rundgangs, von neureich über einfach nur schick bis hin zu gutem italienischen Essen und lebenden Fröschen, die als chinesische Delikatesse verkauft werden, war hier alles zu sehen. Da ich alleine unterwegs war, hatte ich immer Gelegenheit, überall so lange zu bleiben wie ich es wollte. Ohne dass jemand zum Klo musste, was essen wollte, schwitzte, lieber was anderes machen wollte oder sonstwie nervte. Der Nachteil: Ich konnte mit keinem über meine Erfahrungen sprechen,was doch auch irgendwie komisch ist.
Die Rückfahrt war dann noch mal eine Lektion in Sachen amerikanischer Organisationsfähigkeit. Der Boltbus, der auf dem Hinweg so überaus pünktlich und zuverlässig fuhr, ließ lange auf sich warten. Als dann einer nach dem anderen kam, keiner aber nach DC fuhr, wurde mir etwas mulmig zumute. Ich fragte einen Fahrer, was los sei, der meinte, er wüsste nichts. Unfreundlich wies er meine weiteren Fragen ab. Dann kam er jedoch zurück und sagte, die Busse nach DC führen an einem anderen Punkt, just schräg gegenüber, ab. Das war auf meiner Fahrkarte nicht so vermerkt. Ich überquerte diesem Rat folgend also die Straße, als der DC-Bus gerade abfahren wollte. Hätte der Busfahrer also nicht zufällig das mit der anderen Haltestelle geraunt, hätte ich unfreiwillig noch eine Nacht in New York dranhängen müssen. Denn natürlich kam für mich schon aus Zeitgründen nichts anderes in Frage, als den letzten Bus zurückzunehmen.
Arlington und Alexandria
Letzten Sonntag habe ich mich aufs Rad geschwungen und bin über Arlington Cemetery nach Alexandria gefahren. Der Friedhof beeindruckt durch seine schiere Größe und die schlichten weißen Holzkräuze, die für die in den amerikanischen Kriegen seit dem Bürgerkrieg gefallenen Soldaten stehen. An John F. Kennedys Grab, über dem eine ewige Flamme brennt, waren Ausschnitte aus seinen berühmtesten Reden angebracht, u.a. auch: “Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst.” Viele Amerikaner pilgerten zu dieser schlichten Bronzeplatte, um Fotos zu machen und innezuhalten. Die Wachablösung am Grab des unbekannten Soldaten war dann eine Demonstration militärischen Drills und stoischer Gewissenhaftigkeit des auf und ab marschierenden Soldaten angesichts hunderter Objektive, die auf ihn und seine abgehackten Bewegungen gerichtet wurden. Ein Ausflug nach Arlington ist schon deshalb empfehlenswert, weil sich von der Hügelkuppe, auf der das ehemalige Privathaus des Konföderierten-Generals Robert E. Lee steht, ein fantastischer Blick auf die Mall und Washingtons Landmarks bietet.
Am Potomac entlang fuhr ich bis nach Alexandria, das mit einer hübschen Altstadt aufwartet und am Hafen den unvermeidlichen Food Court direkt neben ein Spitzenrestaurant gesetzt hat. Mein Urteil: Schön zum Bummeln am Wasser, doch wer Georgetown gesehen hat, der kennt auch schon Alexandria. Dennoch ist ein Kurzausflug hierhin eine willkommene Abwechslung zur Hauptstadt, zu dessem Distrikt Alexandria eine Zeit lang gehörte, ehe sich DC auf den östlichen Teil des Potomac zurückzog. Auf das Gebiet, in dem es heute noch liegt und in dem ich so viel Spaß und Freude, so viele Barbesuche und Parties wie selten zuvor erlebte und in dem ich mir vorstellen könnte, für längere Zeit zu leben.































































