Morgen geht es bereits um halb neun los, dann sind über zweieinhalb Monate weitgehender geistiger Urlaubstätigkeit vorbei und ich muss mich daran machen, den französischen Vorlesungen zumindest im Groben folgen zu können. Mein Stundenplan steht seit dieser Woche, er beinhaltet einige ziemlich interessante Vorlesungen, die ich so in Berlin bislang nicht besuchen konnte. Was noch fehlt, sind die Nummern der aufzusuchenden Säle, aber warum sollte man die auch angeben. Ist ja nur wichtig. Es wird sich aber alles fügen, das ist meine Erfahrung aus nunmehr drei Wochen Aufenthalt hier. Und es wird schneller gehen, als man denkt (und hofft). Und vielleicht wird es auch einfacher werden, als ich im Moment erwarte. Die Architektur meiner Universität lässt auch nicht viel Ablenkung zu, allein schon aus Verzweiflung über derartige Hässlichkeit werde ich mich alleinig auf den Hauptvorgang im Hörsaal konzentrieren.
Schnell ging auch die dreiwöchige Eingewöhnungszeit rum. Ich habe nun meine festen regelmäßigen Wege: Zum Bäcker („Un pain, s´il vous plaît!“, „Un Euro, s´il vous plaît“), zur Uni, zum Lidl, zum Park, zum Champion, zur Métro und zum Klo. Eine gewisse Routine hat eingesetzt, nötig, um das Neue, was ab nun folgen wird, richtig aufnehmen zu können. Wenn nur das Wetter wieder anhaltend besser würde. Die ganze letzte Woche war es ziemlich kalt und am Freitag hat es nur geregnet, den ganzen Tag. Nicht, dass ich dem Wetter eine zu hohe Bedeutung beimesse, doch können mit einer guten Wetterbeschreibung drei Dinge erreicht werden: 1. Können in der Unterhaltung von Mensch zu Mensch, beim im ersten Moment nach dem Kennenlernen zunächst angemessen reservierten Smalltalk, so einige Sätze über nur scheinbare Belanglosigkeiten ausgetauscht werden (das bietet sich an, das ist sympathisch); 2. Können mit einer guten Wetterbeschreibung (und die Literatur ist voll davon) atmosphärische Unterschwelligkeiten mitgeteilt werden und 3. Kann man über das Wetter reden oder schreiben, wenn einem sonst nichts einfällt und so über inhaltliche Schwächen hinwegtäuschen. Doch zurück zum Punkt: Wenn die Sonne hier scheint, dann strahlt die hauptsächlich in Sandstein gebaute Stadt angenehm auf den Besucher zurück und ein bestimmtes Flair breitet sich aus; wenn es regnet, unterscheidet sie sich nicht sonderlich von anderen nassen Städten. Allein deshalb will ich einen schönen Spätsommer oder nunmehr Frühherbst haben. Ich will Sonne, ich will wieder glückliche Pärchen knutschend auf Brücken, Bänken, Rasenflächen, Fahrrädern, in der Métro, im Café und überall sonst sitzen sehen, kurzum: Ich will zurück zum Klischee. Ich bin noch nicht auf Winter eingestellt. Und das Klischee kennt auch keine Jahreszeiten. Heute scheint die Sonne!





