Reise-Blog

Beobachtungen und Anmerkungen von unterwegs

Archiv für September 2007

Morgen geht die Uni endlich los!

Verfasst von danielsprenger am Sonntag, 30 September 2007

Morgen geht es bereits um halb neun los, dann sind über zweieinhalb Monate weitgehender geistiger Urlaubstätigkeit vorbei und ich muss mich daran machen, den französischen Vorlesungen zumindest im Groben folgen zu können. Mein Stundenplan steht seit dieser Woche, er beinhaltet einige ziemlich interessante Vorlesungen, die ich so in Berlin bislang nicht besuchen konnte. Was noch fehlt, sind die Nummern der aufzusuchenden Säle, aber warum sollte man die auch angeben. Ist ja nur wichtig. Es wird sich aber alles fügen, das ist meine Erfahrung aus nunmehr drei Wochen Aufenthalt hier. Und es wird schneller gehen, als man denkt (und hofft). Und vielleicht wird es auch einfacher werden, als ich im Moment erwarte. Die Architektur meiner Universität lässt auch nicht viel Ablenkung zu, allein schon aus Verzweiflung über derartige Hässlichkeit werde ich mich alleinig auf den Hauptvorgang im Hörsaal konzentrieren.

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Schnell ging auch die dreiwöchige Eingewöhnungszeit rum. Ich habe nun meine festen regelmäßigen Wege: Zum Bäcker („Un pain, s´il vous plaît!“, „Un Euro, s´il vous plaît“), zur Uni, zum Lidl, zum Park, zum Champion, zur Métro und zum Klo. Eine gewisse Routine hat eingesetzt, nötig, um das Neue, was ab nun folgen wird, richtig aufnehmen zu können. Wenn nur das Wetter wieder anhaltend besser würde. Die ganze letzte Woche war es ziemlich kalt und am Freitag hat es nur geregnet, den ganzen Tag. Nicht, dass ich dem Wetter eine zu hohe Bedeutung beimesse, doch können mit einer guten Wetterbeschreibung drei Dinge erreicht werden: 1. Können in der Unterhaltung von Mensch zu Mensch, beim im ersten Moment nach dem Kennenlernen zunächst angemessen reservierten Smalltalk, so einige Sätze über nur scheinbare Belanglosigkeiten ausgetauscht werden (das bietet sich an, das ist sympathisch); 2. Können mit einer guten Wetterbeschreibung (und die Literatur ist voll davon) atmosphärische Unterschwelligkeiten mitgeteilt werden und 3. Kann man über das Wetter reden oder schreiben, wenn einem sonst nichts einfällt und so über inhaltliche Schwächen hinwegtäuschen. Doch zurück zum Punkt: Wenn die Sonne hier scheint, dann strahlt die hauptsächlich in Sandstein gebaute Stadt angenehm auf den Besucher zurück und ein bestimmtes Flair breitet sich aus; wenn es regnet, unterscheidet sie sich nicht sonderlich von anderen nassen Städten. Allein deshalb will ich einen schönen Spätsommer oder nunmehr Frühherbst haben. Ich will Sonne, ich will wieder glückliche Pärchen knutschend auf Brücken, Bänken, Rasenflächen, Fahrrädern, in der Métro, im Café und überall sonst sitzen sehen, kurzum: Ich will zurück zum Klischee. Ich bin noch nicht auf Winter eingestellt. Und das Klischee kennt auch keine Jahreszeiten. Heute scheint die Sonne!

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Nachts im Museum

Verfasst von danielsprenger am Samstag, 29 September 2007

Wie bereits in der letzten Woche, so war ich auch am gestrigen Freitag wieder im Louvre, der dann für unter 26-jährige kostenlos bis 22 Uhr geöffnet hat. Das kleinere Problem: Davon wissen viele junge Menschen. Das größere Problem: Von jenen Wissenden bringen nahezu alle Digitalkameras mit und BENUTZEN DIESE AUCH STÄNDIG in den Galerien. Mit Blitz. Und keiner sagt was. Wie sollten die Wächter auch was sagen, wenn sie selber gerade mit ihrem Handy telefonieren oder mit ihrem i-Pod Musik hören? So ist man als wirklich Interessierter stets umgeben von an den Bildern vorbeihetzenden Technikfreaks, die, so stelle ich mir vor, zuhause dann ihre 3000 Fotos (schließlich wird ja jedes Kunstobjekt aus allen Perspektiven fotografiert!) sortieren und sich sagen: „Meine Güte, war das im Louvre schön, nur diese Menschen, die ständig vor den Bildern standen, um sie zu betrachten, die stören etwas auf den Fotos“.

Dabei gäbe es, zugegebenermaßen, allen Grund zu fotografieren: Der Louvre ist ein Museum-Museum, die großartige Architektur im stetig größer gewordenen Stadtpalast Louis XIV und seiner Nachfahren ist an sich schon den Besuch wert (und lässt, wie ich finde, Versailles ziemlich abgeschlagen zurück!). Und dann stehen bzw. hängen da auch noch einige der bedeutendsten Kunstwerke der Welt (aus allen Epochen, aus allen Ländern, aus allen Kunstrichtungen) herum: Die Statuen von Michelangelo und Canova, umgeben von ihren antiken Vorbildern sowie die großartigen Historienbilder von Gros (Napoleons Krönung in Notre Dame 1804) und Delacroix (ich konnte es kaum glauben, das Bild, das in vielen Büchern als das Symbol der französischen Revolution gedruckt wird, obwohl es sich auf die Juli-Revolution 1830 bezieht, und gemeinhin als DIE Allegorie der Freiheit verstanden wird, hängt dort in einem bescheidenen Rahmen, als eines unter vielen).

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Achso, die Mona Lisa, ja, die ist auch da. Hinter Glas; auf die Scharen von Touristen, die sich vor ihr (natürlich mit Blitz) fotografieren lassen, blickt sie stoisch (und sicher etwas spöttisch) mit nur leicht verzogener Miene. Ihr kann es ja auch egal sein. In den Louvre sollte man meiner Meinung nach nicht wegen ihr kommen, sondern trotz ihr. Er ist so riesig und so vielfältig (ich habe bei zwei Besuchen gerade mal die Hälfte eines der drei Flügel gesehen und auch das nicht sehr ausführlich), dass man immer was Neues entdeckt. Aber ich habe vielleicht sogar die Chance, wenn ich jeden Freitag hingehe, in einem halben Jahr sagen zu können, dass ich tatsächlich alles gesehen habe, und zwar anders als jene Leute, die mit einer Videokamera durch die Säle laufen und alles abfilmen, was irgendwie „so beautiful“ aussieht.

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Der orientalische Basar in Paris

Verfasst von danielsprenger am Montag, 24 September 2007

Am gestrigen Sonntag zog es mich dann nach Montmartre (40 Minuten mit dem Rad), das ich bislang noch nicht so richtig besucht hatte. Ich parkte mein Rad vor Sacre Coeur und war sofort umgeben von Touristenmassen, die sich auf allerkleinstem Raum um den Place de Tertre drängten („Oh, isn´t that beautiful?“ Ja, ist es in der Tat, aber muss man das alle drei Schritte sagen?).

 

Die „beschauliche“ ehemalige Künstlersiedlung auf dem Berg (in der heute hässliche Touristen von Schnellzeichnern auch nicht mehr wesentlich verschönert werden können) ist nun mal wirklich ein Juwel. Das funkelt so stark, dass alle davon angezogen werden und leuchtet in Form der Kuppel der neubyzantinischen Basilika so hell, dass das vorübergehende Ruhenlassen der Digitalkamera unmöglich erscheint. Ich war froh, den Hügel (von dem der Blick über Paris ein ausgezeichneter ist) über die Hintertreppe wieder zu verlassen. Ich wollte zum Flohmarkt nach Saint-Ouen, direkt nördlich der Periphérique. Es soll sich bei diesem Marché aux Puces um den größten der Welt handeln. Es gibt eine extra Karte für den Markt, der sich in einzelne Teilmärkte unterteilt und der die wenigen Wohnhäuser im Viertel komplett einschließt. Es gibt hier viele Stände, die neue Klamotten verkaufen, ganze Straßen voller Antiquitätenhändler mit so vielen Möbeln, dass man sich fragt, wer die alle neu herstellt… Und es gibt auch richtige Flohmarktstände, wie den von dem alten Mann, der inmitten eines Berges aus allem Möglichen (Puppen ohne Kopf, Auspuffen, Schrauben, halben Tischen usw.) steht und so aussieht, wie seine Ware es vermuten lässt. Beeindruckend ist die Größe des Marktes und die Anzahl der Menschen, die hierher strömen. Es geht zu wie auf einem orientalischen Basar: Khan el Khalili in Paris.

Überdies sind überall, mitunter sogar richtig gute, Restaurants versteckt, den Crèpe erhält man hier schon für 1,50 Euro. Und dann, schon wieder in Paris, traf ich die beiden Jungs von gestern Abend. So klein ist die Welt und Paris nur ein Dorf. Achja, warum war ich überhaupt auf dem Flohmarkt? Ich brauchte ein Antennenkabel, um den Fernseher endlich anzuschließen (so langsam wird es ohne schwierig!). Zuhause stelle ich später fest, dass der Anschluss nicht passt, nun ja. Nur das Chili con Carne lässt meine Enttäuschung darüber nicht so groß werden.

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Da flanieren die Pariser

Verfasst von danielsprenger am Montag, 24 September 2007

Ich gebe zu: Ich stehe hier zu spät auf. Ich verpasse das morgendliche Erwachen, das in besonders guter Weise Auskunft über die Eigentümlichkeiten einer Stadt geben kann. Sicher wird sich das ab nächster Woche ändern, wenn ich morgens früh raus zur Uni muss. Und sicher liegt das auch daran, dass ich momentan abends einfach länger wegbleibe. Freitag zum Beispiel mit einer Gruppe von deutschen Studenten unterm Eiffelturm, Lieder singend und den Wein, den indische Händler alle zwei Minuten in die Gruppe hielten, ablehnend (wobei man sagen muss, dass die Weinhändler über den Preis durchaus mit sich handeln lassen und ihre Geschäftsidee nicht die schlechteste ist!).

Allerdings sollte man sich des Nachts beeilen, die letzte Métro noch zu erwischen, weil das Nachtbus“system“ einer Weltstadt, wie überdies schon einmal angemerkt, nicht ganz würdig ist (der einzige Vorteil bei den Bussen: Man kann leicht schwarz fahren). Am Samstag habe ich also lieber gleich das Fahrrad genommen, um zunächst zum nachmittäglichen Picknick zum Kanal St. Martin zu fahren. Hier flanieren ausschließlich Pariser, und wir sind ja nun auch solche. Hier fühlt man sich direkt wohl, fernab der Touristenströme und umgeben von Boulespielern. Abends ging es dann weiter zum gemeinsamen Kochen mit drei Finninnen und inkl. mir drei deutschen Jungs (die sich natürlich alle auf Französisch verständigten und so tatsächlich einen nie versiegenden Sprachfluss hinbekamen) nach Belleville. Das Radwegenetz ist hier mitunter erstaunlich gut ausgebaut, nur die großen Plätze erfordern beim ersten Überfahren einiges an Durchsetzungsvermögen gepaart mit Intuition für die richtige Richtung. Und die habe ich ja: Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Dann ist alles kinderleicht in Paris.

Belleville: Ein Viertel mit hohem Anteil arabischstämmiger Bevölkerung, mit entsprechenden Läden, Bars und vornehmlich jungen Männern auf der Straße. Als blonde Finnin bzw. generell als Frau nachts nicht unbedingt die beste Gegend, als Mann und Kairo-kennender Berliner eine interessante Abwechslung. Sollte man aber denken, hier sei es viel günstiger zum Ausgehen, so täuscht man sich: Der Döner (hier bekannt als „Sandwich Turc“) kostet nur unwesentlich weniger. Und viele Cafés machen schon ziemlich früh zu. Nachdem wir ein Drei-Gänge-Menu (Salat, Reis mit Tomaten-Zucchini-Zeug, Eis) zubereitet und auf dem Boden sitzend (so sind die Größenverhältnisse der Zimmer hier nun mal) verzehrt hatten, fanden wir doch noch ein offenes Café mit Blick auf den Place de la République und Paris-typischen Preisen (3,60 für ein halbes Bier, das hier nur 0,25 groß ist).

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Nous sommes héros à Paris

Verfasst von danielsprenger am Freitag, 21 September 2007

Wie sicher schon bemerkt wurde, habe ich die Seite gerelauncht, wie man so schön sagt, und dabei auch einige Fotos eingebunden. Das werde ich in Zukunft jetzt immer so machen, aus zwei Gründen: 1. Weil ich es kann und 2. Weil ihr damit einen besseren Eindruck von den Vorgängen hier bekommt. Allerdings wähle ich hier nur die besten Bilder aus meinem umfangreichen digitalen Fotoarchiv aus, mehr sind im studivz zu sehen.

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Gestern Mittag stöberte ich durch Zufall im Internet auf Veranstaltungshinweisen für Paris und entdeckte einen, der mich elektrisierte: Da wollte ich schon immer hin, in Berlin ist es mir nicht gelungen, wie wäre es also, in Paris hinzugehen? Klingt zwar komisch, aber „Ist das so, ich meine, muss das so, ist das so, oder ist das vielleicht viel leichter?“ Am Ende war es ganz leicht: WIR SIND HELDEN im La Trabendo im Parc de la Vilette im Nordosten und ich war dabei. Die Karte hat mir ein netter Franzose, dessen Frau leider verhindert war (Quelle dommage?!) für 20 Euro verkauft, normaler Tarif. Und dann ging´s los. Meine erste Überraschung, dass es die ja tatsächlich alle gibt und dass sie nun direkt vor mir auf der Bühne stehen, legte sich schnell. Die sympathische Sängerin Judith Holofernes, aus der Nähe ziemlich groß und „in echt“ wirklich richtig gut aussehend (!), lief zusammen mit den drei Jungs auf die Bühne und es ging „an die Arbeit“. Ein munteres Publikum war sofort begeistert und wippte und sprang und tanzte und sang ausgelassen mit. Ich auch. In Berlin bzw. in Deutschland (da sollte man ruhig differenzieren…) spielen die schon lange nicht mehr vor so kleinem Publikum (ich schätze ca. 300 Leute waren da), doch hier genossen sie es sichtlich, zum Tourneestart im Ausland nicht die ganz große Halle bedienen zu müssen. So war es eine wirklich gute Idee von mir gewesen, ohne Karte einfach mal hinzugehen. Ich hätte mich sonst wirklich geärgert, weil man sie so bei uns wohl kaum mehr erleben kann. Die Ansagen waren ein Mischmasch aus Deutsch und Französisch, der ja auch bei mir derzeit überwiegt. Interessant auch, dass ca. ein Viertel des Publikums durchaus Franzosen waren (sogar einen Fanclub gibt´s: Nous-sommes-héros.com), die munter die Texte mitsangen: „Isch wäiss nisch weeitöör, isch wäiss nisch, wo wiö siint, isch wäiss nisch… weeitöör…“ Von hier an taub. Erstaunlich und schön auch, dass viele über Vierzigjährige für den WIR SIND HELDEN Rock/Pop begeistern können. Und die spielten die meisten Lieder ihrer mittlerweile drei Alben und gaben dann noch zwei Zugaben, eine natürlich mit dem Klassiker „Denkmal“, eine andere mit „Monster“. Sehr schön. Und dann nach über zwei Stunden war´s vorbei. Wirklich großartig und sensationell. Als einzige Anmerkung sei mir erlaubt, darauf hinzuweisen, dass das Mitführen von Digitalkameras (vor allem bei jungen Mädchen) verboten werden sollte, da sie eigentlich die ganze Zeit damit vor deinen Augen herumfuchteln und sich nicht so anständig zurückhalten wie ich bei meinen wenigen Fotos…

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Danach sollte es eigentlich noch zur Erasmus-Party nach Montparnasse gehen. Das „eigentlich“ deutet auf ein erneutes Scheitern hin. In Montparnasse war ich und traf mich dort auch mit Frieda und einigen anderen. Wir tranken noch etwas Wein (unglaublicherweise aus der Flasche!), als wir uns in die wartende Schlange stellten. Ein Türsteher meinte: „Vous buvez comme ca, vous n´entrez pas!“ Das sei stillos, so würden wir nicht reinkommen. Also setzen wir uns hin am Rand, ließen die Schlange erstmal vorbeiziehen. Es war halb zwölf. Nur bis um zwölf sollte der Eintritt für die ausländischen Studenten frei sein. Kein Problem dachten wir und beobachteten, wie der gleiche Türsteher, der uns wegen mangelnden Stils beim Trinken aus der Schlange wies, einem Clochard Anleitung gab, was er aus der nebenstehenden Mülltüte noch alles an Getränken herauszaubern könne (der glückliche Penner zog kurz darauf mit Wodka, Cola, Bier, Fanta und einigem mehr ab. Der hatte einen schönen Abend). Als wir fertig waren, stellten wir uns erneut an, die Schlange kam kaum voran und um viertel nach zwölf zogen wir chancenlos und unwillig, einen überteuerten Eintrittspreis zu entrichten, ab. Zuhause fiel ich über meinen Président-Camembert her, der mittlerweile leider alle ist.

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Das Lob der Vorstadt

Verfasst von danielsprenger am Mittwoch, 19 September 2007

Heute habe ich Paris verlassen. Bin einfach abgehauen. Mit dem Fahrrad. Die Nationale hinunter, links auf den Boulevard Massena gebogen, dann rechts unter der Periphérique hindurch und schon war ich da: In Ivry-sur-Seine. Als ich ein Stück zu weit gefahren war, tat sich dieses Bild vor mir auf: Das ist auch Paris, die Stadt der sechs großen Sackbahnhöfe und der dafür benötigten enormen Anzahl an Schienenwegen (Blick über die Gleise an der Porte d´Ivry).

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Ivry-sur-Seine selbst ist ein schnuckeliger kleiner Vorort, der direkt an Paris anschließt, allerdings mit nur noch halb so großen Häusern. Was wollte ich dort? Geld sparen! Ich war erfolgreich. Auf dem Rückweg wies mich eine Plastiktüte in leuchtendem Gelb, auf die vier Buchstaben, davon drei in Blau und einer schräg eingehakt und rot gefärbt, gedruckt sind, als zufriedenen Kunden des guten deutschen Discounters Lidl aus. Für meinen Einkauf habe ich dort nur 12 Euro bezahlt, im Champion wären es bestimmt 20 gewesen, im Casino noch mehr. Und Carrefour wäre noch weiter weg gewesen. Also Lidl. Und der ist natürlich genau so eingerichtet wie jeder in Deutschland, in Spanien, in Russland und auf dem Mond. Einzig über der Tiefkühltruhe war eine beunruhigende Abweichung vom Feng-Shui-erprobten Einrichtungssystem festzustellen: Dort standen keine Kräuter, Soßen und Fertiggerichte, sondern, tatsächlich, Körperpflegeprodukte. Unter diesem Schock hätte ich beinahe das große Käseregal übersehen, aus dem ich mir einen Camembert „Président“ mitgenommen habe (wie der schmeckt, auch wenn man mit seiner Politik nicht immer einverstanden ist, Käse machen kann er, dieser kleine Mann aus Ungarn…) Überhaupt esse ich ja nicht schlecht hier. Und ich habe oft Hunger. Eben Bratkartoffeln mit Spiegelei und morgen dann Nudeln mit Roquefortsoße. Großartig. Lecker. Leicht bekömmlich.

Meine Einschreibung in die Kurse hat übrigens doch noch ganz gut geklappt. Gestern konnte ich mich dort eintragen, das wird nun bestätigt, dann schicke ich das „Learning Agreement“ nach Berlin und alles ist gut. Und die Kurse sind mitunter recht anspruchsvoll (ich durfte aus dem Bachelor und dem Master wählen). Ein Kurs wird sich mit gegenwärtigen geostrategischen Problemen weltweit befassen, ein anderer mit dem Aufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Das wird sicher interessant, wenn ich da folgen kann. Traut man der Uni-Sprachtestauswertungsabteilung, so ist mein Französisch ja so gut, dass sie mich den Intensivkurs jetzt nicht mitmachen lassen. Zu ärgerlich. Ich hätte da beim Test mehr Fehler machen sollen. Mein Problem ist ja nicht das lesen oder schreiben, sondern das Sprechen und Hörverstehen… Und nun das. Der Kurs ohne mich. Ich ohne Kurs. Das ist wirklich schade. Er wäre umsonst gewesen und hätte doch soviel gebracht.

Aber was nützt das nachtrauern? Muss während des Semesters halt viel reden. Bislang halten die Franzosen sich aus der Uni aber größtenteils fern, sind fast nur Ausländer da. Am 01. Oktober geht’s aber dann los mit den Kursen, der Tag kann kommen, mein Studentenausweis ist fertig. Darauf ist als mein Geburtsdatum vermerkt: 02. November 1985. Ist ja auch nicht einfach, das richtig abzuschreiben. Aber ich sage nichts mehr über die Organisation hier. Was mir nun gerade noch einfällt ist, dass der Frauenanteil an meiner Uni bei sensationellen 77 % liegt. Mit dieser Info lasse ich es bewenden. 77 %.

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Wer über die deutsche Bürokratie schimpft, hat noch nie versucht, sich an einer französischen Uni einzuschreiben

Verfasst von danielsprenger am Montag, 17 September 2007

Heute sollte die Inscription pédagogique stattfinden, die Einschreibung in die Kurse. Für alle. Für alle? Nein, nicht für die, die Etudes Européennes studieren. Die kommen erst morgen dran, das Sekretariat ist wegen Personalmangel geschlossen am Montag. Also war ich heute eigentlich fast umsonst da. Aber es sollte ja zumindest die Cartes Etudiants geben. Und tatsächlich: Die Studentenausweise waren fertig, aber nur für die Personen mit Nachnamen bis M. Die anderen kommen Mittwoch dran. Quelle dommage. Überhaupt dieser Aufwand. Jeder muss zum Einschreiben dahinlatschen, sich in eine lange Reihe stellen, sich seine Kurse aussuchen und von einer Bediensteten bestätigen lassen. Man könnte das mittels Internet doch sehr erleichtern. Dort könnte man aber zumindest das Vorlesungsverzeichnis reinstellen, so dass nicht jeder vor den zwei Zetteln stehen muss, um es abzuschreiben. Ich weiß auch nicht, warum man nicht einfach mehr Kopien (evtl. sogar, nein, das wär´s doch mal, zum MITNEHMEN) davon macht. Vielleicht deshalb nicht, weil der Etat bereits für die große Anzahl an notwendigen Kopien aufgebraucht ist, auf denen draufsteht, dass man sich auch ohne Carte Etudiants einschreiben kann (außer in Etudes Européennes am Montag…). Und so greift hier schließlich doch alles ineinander.

Schließlich waren wir im Restau-U, der Mensa. Das Essen war gut (Hühnchen mit Pommes, Salat dabei, Mousse au Chocalat hinterher und Wasser umsonst auf dem Tisch!), der Weg dorthin natürlich nicht so einfach und praktisch, wie er sein könnte, aber durchaus gangbar. Man hat hier (ich hörte und staunte!) auf ein elektronisches Bezahlsystem analog zu dem in Berlin umgestellt. Nur dass man die Karte nicht mit Bargeld aufladen kann, meine Bankkarte dafür aber nicht funktionierte. Also ich mich wieder neu angestellt, um einen Code zu kaufen, mittels dessen meine Karte um den gewünschten Betrag aufgewertet wurde. Es gibt hier sogar verschiedene Mensen zur Auswahl, sie haben für einen Studenten poetisch anmutende Namen: La Pizzeria, Le restaurant, heute war ich im Le Grill, da die beiden anderen (natürlich) noch geschlossen waren.

Ich schreibe dies alles nicht aus einer Position der kulturell-technischen Überlegenheit heraus (wie sollte ich auch, ich habe Windows Vista installiert), sondern aus echtem Erstaunen, ironisierender Welt- und Alltagswahrnehmung und aus der inferioren Position eines schüchternen deutschen Austauschschülers, der sich aufgemacht hat, mal nachzugucken, wie die anderen Länder alles so organisieren (oder daran scheitern!).

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Les jours des gloires sont arrivés!

Verfasst von danielsprenger am Montag, 17 September 2007

Ein anstrengendes Programm stand dann für Samstag und Sonntag an: Mit dem Fahrrad bin ich in die Stadt gefahren, die Journées du Patrimoine auskosten. Im Invalidendom habe ich Napoleons Sarg und im Souterrain des Eiffelturms dessen Aufzugsmechanismus begutachtet. Anschließend war ich in der Assemblée Nationale, man kam bis unten vor das Pult des Präsidenten und konnte wie ein Parlamentarier durch das herrschaftliche Anwesen gehen. Das hat mir besonders gut gefallen.

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Am Abend war ich dann mit Tytti, ihrer französischen Mitbewohnerin und ihrer Cousine in einem kleinen Café-theatre in Montmartre (ganz in der Nähe von Frau Wrons´ Wohnung, die wirklich eine unbeschreiblich gute Lage gehabt hätte!). Ein Alleinunterhalter trat dort oft in Interaktion mit dem Publikum (gut, dass wir nicht in der ersten oder zweiten Reihe saßen) und parodierte Sarkozy und auch den Papst. Ca. die Hälfte habe ich wirklich verstanden, häufig bekam ich just die Pointe nicht mehr mit (vgl. McNamara, Mick, Irland 2006: Die gesammelten irischen Witze, Werkausgabe, Finn MacCool Verlag, Athenry). Aber ich war überrascht, dass ich im Großen und Ganzen doch folgen konnte. So ein Theater habe ich überdies auch noch nie gesehen, höchstens 25 Leute waren dort, für 8 Euro bekamen sie wirklich mal was geboten. Da gehe ich nochmal wieder hin!

Tja, und dann folgte die fast vergebliche Suche nach einem Café. Dummerweise sind wir hierfür aus Montmartre weggegangen. Nahe der Oper (einer der teuersten Ecken der Stadt, wo dennoch die Clochards in den Eingängen der Edelboutiquen nächtigen) wurden wir fündig. Schade, dass am Nebentisch ein betrunkener Deutscher saß. Er laberte mich zu, als er merkte, dass ich auch aus Allemagne komme. Er verkauft Anzüge für Hugo Boss in den Galeries Lafayette (ich habe nicht danach gefragt, er hat es mir erzählt, erzählt und dann, falls ich´s zwischenzeitlich wieder vergessen haben sollte, nochmal erzählt!); er gab mir seine Nummer (habe ich mittlerweile schon wieder gelöscht!) und wandte sich dann dem anderen Tisch mit zwei älteren deutschen Ehepaaren zu. Sein französischer Freund war da einfacher, er machte mich darauf aufmerksam, dass die Pariser etwas „chiant“ seien (etwas arrogant). Das mag sein, stört mich aber nicht weiter. Solange sich nicht etwas „plein“ (voll) sind. Achja, der Cappucino, den wir tranken, kostete sechs Euro und schmeckte nicht mal. C´est Paris. C´est pas possible.

Mein Vertrauen in die Güte der Pariser Menschheit habe ich dann Sonntagmorgen wiedergewonnen, als ich mein am Abend zuvor wegen akuter Müdigkeit am Châtelet angeschlossenes Rad dort unversehrt vorgefunden habe. Ein weiterer Tag mit Besichtigungen (Ecole Militaire, Musée de l´architecture) stand an. Nur in den Elysée-Palast kam ich nicht, die sich um drei Blocks erstreckende Schlange erschien mir etwas zu lang. Monsieur Sarkozy musste auf meinen Rat verzichten. Ich legte mich stattdessen am Trocadéro auf die Wiese und zog mir einen leichten Sonnenbrand zu. Es ist hier nämlich die ganze Zeit schon sehr warm und sehr sonnig gewesen. Das macht die Stadt noch schöner, als sie eh schon ist in den meisten Ecken.

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Le vélo et le vin

Verfasst von danielsprenger am Sonntag, 16 September 2007

Zunächst wollte ich meine Mission vom Freitagabend kurz beschreiben, die darin bestand, in Paris ein Fahrrad zu kaufen. Das ist gar nicht so einfach, wie man vielleicht denken mag. Räder sind hier Mangelware. Ich also im Internet gesucht, einen Menschen angeschrieben, der mir geantwortet, ich zu ihm hingegangen. Ein langer Weg, aber ich wollte nicht die Métro nehmen (auf dem Weg habe ich mir noch eine französische Handykarte gekauft für 30 Euro). Und dann holt der junge Mann mich von der Straße ab und führt mich in das zweite Untergeschoss einer Tiefgarage in einem riesigen Wohnblock ganz im Norden von Montmartre. Dort haben er und sein Kumpel eine kleine Werkstatt. Ich mich auf einige Räder raufgesetzt, schließlich für eins entschieden und damit losgefahren (nachdem ich 50 Euro bezahlt hatte). Mein Gesichtsausdruck muss auf dem ersten Kilometer irgendwo zwischen größter Zufriedenheit, Grenzdebilität und höchster Konzentration gelegen haben. Dann, kurz vorm Place de Clichy, im dichtesten Feierabendverkehr: Zsschhhssstt! Da ist die Luft raus, hinten, komplett platt. Merde! Zut alors! Verdammich! So ein Mist!!! Ich also zurückgeschoben, ich war leicht sauer. Und dann wechselt er mir das ganze Rad kostenlos aus. Dann war ich wieder zufrieden. Beim zweiten Mal ging alles gut. Ich brauchte eine Stunde von Montmartre bis nachhause. Und ich fuhr über den Place de la Concorde, etwas unsicher zwar, aber ohne große Probleme. Das ist schon ein tolles Gefühl gewesen, die schiere Größe dieses Quarées… (auf dem Foto ist mein Radvor der Rue Soufflot, die zum Panthéon führt, zu sehen).

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Abends war ich dann mit Frida, meiner Mitbewohnerin, und zwei weiteren Deutschen im angeblich gerade sehr In-Viertel um die Rue Oberkampf (heißt wirklich so, liegt kurz vor der Métro-Station Stalingrad. Nur Paulus habe ich nicht getroffen, hätte ihn auch wohl gar nicht erkannt). Auf der Straße haben wir ein französisches Picknick (mit Wein und Keksen) gemacht. Es gibt hier zwar wenige, aber dann doch ganz gut sortierte Spätis, die Wein mitunter für unter zwei Euro anbieten. Aufmachen lassen kann man sich den dann in der Brasserie nebenan. Dort bekommt man sogar einen besseren Verschluss geschenkt. Welch ein Service und, oui: c´est gratuit! Ich habe mir vorgestellt, wie ein Berliner Wirt reagieren würde, wenn vier Franzosen eine Bierdose geöffnet haben wollten („Wat? Ick soll die uffmachen, na hört ma´, bei euch piepts ja wohl, wa?“) Die Schwierigkeit bestand dann darin, einen Noctilien (einen Nachtbus) zu finden, der ungefähr in unsere Richtung fuhr. Man sollte denken, dass das in einer Weltstadt wie Paris besser organisiert ist. Sollte man, braucht man aber eigentlich gar nicht. Eine Ehre natürlich, dass selbst Franzosen uns gefragt haben, wie man denn da und da hinkommt. Eine noch größere Ehre wäre gewesen, wenn wir es ihnen dann auch hätten sagen können.

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Zwischenbericht zur Lage in der Nationale

Verfasst von danielsprenger am Samstag, 15 September 2007

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Nun ist schon Samstagmorgen, ich bin seit einer Woche in Paris. Die Zeit verging einerseits sehr schnell, andererseits kommt es mir auch so vor, als sei ich schon länger hier. Die Zeitempfindung entzieht sich der Kontrolle, wenn so viel Neues (und teilweise auch das schon bekannte, alle zwei Tage neu aufgetragene Käfergift) auf einen einströmt. Was ich in den letzten Tagen gemacht habe? Nichts wirklich Großes, dafür viele kleine Dinge. Eine erste Annäherung an die Stadt. Gestern war der bislang lustigste und interessanteste Tag. Zuerst habe ich mich mit Tytti, einer Finnin, die wie ich Etudes Européennes studieren wird, vorm Centre Pompidou getroffen. „Et qu´est-ce qu´on fait maintenant?“ war meine Frage. „Aller comme des touristes“, war ihre Antwort. Und das haben wir dann auch gemacht, allerdings ist es schon ein bedeutender Unterschied, hier nicht als Tourist zu sein, sondern zu wohnen: Hier erhält man wieder etwas Autorität über die Zeit: Man ist nicht gezwungen, alles in einer knapp bemessenen Periode zu besuchen, sondern weiß, dass man jederzeit wiederkommen kann. Wir sind zunächst in die Conciergerie gegangen, das alte Gefängnis im zuvor bereits von den Kapetingern als Königspalast genutzten größten Gebäude auf der Ile de la Cité. Eine Ausstellung über den Terror, der der Revolution nachfolgte, arbeitete sehr kritisch diesen widersprüchlichen Zeitraum auf. Anschließend saßen wir an verschiedenen Stellen an der Seine, wo einige Pariser bei wunderbarem, warm-sonnigen Wetter den Anschein erweckten, als würden sie am liebsten in den Fluss springen (Badehose hatten sie jedenfalls an). Die Konversation zwischen der Finnin und dem Deutschen gelang ausschließlich (!) auf Französisch, was ich ganz gut finde. Der Square du Vert Galant an der Spitze der Insel vermittelt einem das Gefühl, auf einem Boot ganz vorne zu stehen und ist komischerweise selten überlaufen. Hier würde ich gerne mal abends eine Flasche Rotwein trinken. Er zählte schon bei meinen vorherigen Paris-Besuchen zu meinen Lieblingsstellen und kann sich auch jetzt wieder gut im Ranking behaupten, vielleicht nur noch getoppt vom Jardin des Tuileries. Dort war ich dann später alleine und blickte über den Place de la Concorde (der zu Zeiten der Revolution, ja wie wohl, na klar, Place de la Revolution hieß, auf dem die Guillotine die Faktionskämpfe zwischen Girondisten und Robespierre-Anhängern entschied und auf dem auch Marie Antoinette ihr schönes Haupt verlor) auf den Tour Eiffel. Und dann ging ich los. Ich hatte eine Mission. Ob sie gelang, steht im nächsten Eintrag, den ich heute Abend schreiben werde. Nun will ich los, in die Stadt, es sind heute und morgen Journées des Patrimoine, frei übersetzt: Tage des vaterländischen Vermögens und einige sonst nicht zugängliche Orte (zum Beispiel der Elysee-Palast und dort das Büro von Sarkozy, der wahrscheinlich selbst auch noch die Karten abreißt, die Taschen durchleuchtet und vorm Klo 50 Cent haben will, aber auch die Assemblé Nationale sowie der Keller inkl. Maschinenraum des Eiffelturms) sind für den Pöbel geöffnet. Allons-y!

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