Reise-Blog

Beobachtungen und Anmerkungen von unterwegs

Archiv für Oktober 2007

Jonathan Meese ist Dr. No, zudem unglaublich witzig und latent verrückt

Verfasst von danielsprenger am Sonntag, 28 Oktober 2007

 

Jonathan Meese ist ein deutscher Maler, Aktions- und Performance-Künstler aus, Achtung Gerold: Ahrensburg. Am Freitagabend war er zu Gast beim Goethe-Institut, bei dem ich ja zugegebenermaßen sehr gerne ein Praktikum gemacht hätte, mich dafür aber zu spät beworben hatte. Aufgrund des diesmal deutschen Bahnstreiks kam er zu spät, das „Centre Culturel Allemand“, dass sich passenderweise in der Avenue d´Iéna (wo Napoleon 1806 einen seiner größten Erfolge gegen Preußen und Russland erzielte) befindet, reichte derweil Knabbereien, Wein und BIONADE. Ja wirklich, wie zuhause. Merveilleux! Später wurde dann ein Film zur Einstimmung vorgespielt, in dem Meese vier Bilder malt, sich anschließend ein Eisernes Kreuz ins Auge steckt, den Hitlergruß macht und Unverständliches nuschelt, um die Sprache der Nazis zu karikieren. Harte Kost. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was ich von ihm halten soll. Und dann kommt er von rechts auf die Bühne, während hinter ihm der Film weiterläuft. Ungewollt und genial, dieses Aufeinandertreffen. Wie betrachtet der Künstler sich selbst? Meese ignoriert sich zunächst, kommt dann aber nicht umhin, sich auf der Leinwand zu streicheln. Damit ist der Grundstein für die folgenden anderthalb Stunden gelegt. Improvisation, teils sinnlose, teils bedeutungsaufgeladene Objektbehandlung, blanker Unsinn und mitunter grober Unfug lösen sich ab. In seinen Arbeiten setzt der langhaarige 37-jährige Wahlberliner sich mit der deutschen Mythologie und dem deutschen Wahn auseinander, deshalb der stete Rekurs zum Hitlergruß, den er mit Zahnbürste im Mund oder Banane in der Hose vollzieht. Diverse Sachen packt er zu Beginn aus seiner Tasche. Es gibt danach keine feste Dramaturgie, immer wenn er was wiederfindet auf der recht schnell komplett zugemüllten Bühne, macht er etwas damit.

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Manchmal fühle ich mich an Helge Schneider oder entfernt auch an Harald Schmidt erinnert, nur ist der Wille zur totalen Anarchie, die Meese als „Diktatur der Kunst“ bezeichnet, ausgeprägter. Die Bananen dienen ihm als Mittel, den Kolonialismus zu erklären (der eigentlich bereits bei den Römern begonnen habe, „Der Octavian, der hat Scheiße gemacht. Ganz große Scheiße“), gleichzeitig steckt er sich die Schalen und, ja, da ist die Dame im Pelz vor uns in der Reihe dann mal lieber schnell in ihre bourgeoise heile Welt zurückgeflüchtet, auch die bereits angekauten Bissen in den Hosenschlitz (eine Stunde später holt er sie dort wieder heraus, um sie Scarlett Johansson ins Gesicht zu schmieren. Die hübsche Schauspielerin auf einem kitschigen Plakat dient ihm als Gegenpart zur Hässlichkeit seiner unglaublich witzigen Darbietung).

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Wie ein Derwisch wirbelt Meese über die Bühne, tanzt mit den Skeletten, zerschlägt mit einem Kreuz, auf dem in bester Nietzsche-Manier Gott steht, den Globus und erklärt zwischendurch immer mal was. Mussolini, Hirohito (Meese ist in Tokio geboren worden) und Hitler und Stalin, über alle verliert er ein paar Worte. Meist endet er dabei mit einer Selbstbekräftigung à la „Das lass ich mir auch nicht mehr ausreden“. Fast während der ganzen Zeit wird in einer Endlosschleife das Popcorn-Lied gespielt, zu dem er mal verrückt herumhüpft oder mal Deo und Wein versprüht. „Da hab ich kein Problem mit“, auch nicht, sich Dr. No mit Lippenstift auf die Brust zu schreiben oder sich mehrere Minuten die Haare zu kämmen. Am Ende gibt es großen Applaus, ich bin restlos begeistert (und das lass ich mir auch nicht mehr ausreden), sowas hier gesehen zu haben. Das ist der Vorteil: Im Ausland sind in Deutschland bereits sehr bekannte Künstler einfacher zu sehen (siehe auch Wir sind Helden im letzten Monat), das Goethe-Institut bietet sie zudem auch noch umsonst. Am Mittwoch kommt Günter Grass ins Centre Pompidou. Da werde ich hingehen, vielleicht lerne ich dann mein schriftstellerisches Idol kennen. Da habe ich kein Problem mit.

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Warten auf …

Verfasst von danielsprenger am Donnerstag, 25 Oktober 2007

A ce moment-là sitze ich hier und warte. Eine Tätigkeit, die neben einigen anderen charakteristisch für meinen Aufenthalt hier ist. „Alors, qu´est-ce que tu as fait à Paris? (Was hast du in Paris gemacht?“) – „J´ai attendu! (Ich habe gewartet!“) In den vielfältigsten Situationen haben sie hier diesen wenig spaßigen Zeitvertreib vorgesehen, gerne auch zu ungünstigen Zeiten und ohne Erklärung ob des weiteren Verlaufs. Zum Beispiel letzten Donnerstag: Da hat die ganze Stadt gewartet. Es war Streik der RATP (Nachverkehr) und der SNCF (so was wie die Bundesbahn). Keine Métro fuhr, kaum Vorortzüge und wenig Busse. Alle Leihfahrräder waren weg. Auf der Straße hörte ich Stimmen, die vom Streik (frz.: grève) wie von einem Naturereignis sprachen. „Jaaa, der Streik, ou là là. Ich brauchte drei Stunden bis hier.“ „Ich habe lange gewartet!“ „Nur die 14 ist immer gefahren!“ (Die braucht ja auch keinen Fahrer, Anm. d. Red.)

Und im Moment warte ich auf den Kammerjäger, den chausseur de parasites, den desinsectisateur, den extincteur, comme vous voulez. Wobei das bereits jetzt nicht mehr ganz richtig ist. Im Vollzug meiner Rechenschaftspflicht, der ich in diesem Blog nachzukommen versuche, trat ein unvorhergesehenes Ereignis ein: Der Kammerjäger kam fast pünktlich, bereits um 08:40 Uhr, woraufhin ich mein Schreiben unterbrechen musste. DAS WARTEN HAT EIN ENDE! Wir sind froh, dass nach sechs Wochen ungeteilter Haustierfreude endlich Abhilfe geschaffen wird. MIT KLOPFEN AN DER TÜR WERDEN DIE LETZTEN MINUTEN FÜR DIE KLEINEN VIECHER EINGELÄUTET. Doch als ich öffne (zur Steigerung der Spannung bin ich literarisch wertvoll wieder ins Präsens gewechselt), steht nicht ein bedrohlich aussehender, übellaunig grinsender starker Mann im Ghost Busters Outfit mit großer Giftkanone vor der Tür, sondern die Gardienne, im rosa Pullover und mit Schlüsselbund in der Hand. DOCH HINTER IHR VERRICHTET DER INSEKTENVERNICHTER BEREITS SEINEN DIENST! Im Nebenzimmer, aus dem die Tiere ursprünglich ausgebrochen sind auf der Suche nach einem besseren Leben, spritzt er Gift in die Ecken. UND DANN KOMMT ER ZU UNS! Mit einer kleinen Giftspritze in der Hand durchquert er todesmutig und mit Kennerblick die Ecken musternd (und an ihnen vorbeigehend) mein Zimmer, schaut kurz ins Bad, in die Küche, und tatsächlich, in Friedas Zimmer spritzt er MEHRMALS (!!) in die Ecken und sogar ans Heizungsrohr. Ans Heizungsrohr, wie krass ist das denn. Der traut sich was. Du meine Güte. UND DANN IST ER WEG. Das war der groß angekündigte Besuch des Kammerjägers, die lange gewollte Erlösung von den kleinen Übeltätern (ein gelungenes Beispiel präsentiere ich hier in Bildform), das Ziel, auf das Vermieterin, Gardienne und Mieter seit so langer Zeit so stetig hingearbeitet haben.

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Wir ahnen, dass das eventuell nicht genug gewesen ist (zumal der Flur nicht wirklich bearbeitet wurde, dabei kommen sie von da und nicht aus den Fenstern, die der „Kammernichtwirklichjäger“ auch noch begutachtete). Und wir wissen, was uns in diesem Fall erneut bevorstehen würde… WARTEN!

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Barockes Zeitempfinden, moderne Zeiten

Verfasst von danielsprenger am Donnerstag, 25 Oktober 2007

Kinder, wie die Zeit vergeht. „Ach Liebste, lass uns eilen, wir haben Zeit, es schadet das Verweilen uns beiderseit.“ Was Martin Opitz für den Barock dichtete, kann auch in der Postmoderne noch Verwendung finden, dort vielleicht sogar in verschärfter Form. Reizüberflutung, Termine, Großstadtrhythmus. Zwar habe ich hier recht viel Zeit, doch die verflüchtigt sich zusehends. Jeder Tag kommt wie der vorherige und unterscheidet sich doch von allen anderen. In gewissen Teilen zumindest. Und nach nun einer Woche des Nichtschreibens kommt es mir fast so vor, als wenn alle Tage wie ein einziger langer waren (dieses Gefühl hatte ich das letzte Mal in Kairo). Habe wenig verweilt. Lasst uns eilen.

Auch durch die letzte Woche: Am Freitag kam Anja aus Poitiers in die Hauptstadt (am Rande angemerkt: Es gibt ein Buch, das heißt: „Paris et le désert“ , Paris und die Wüste, ich erwähne das nur, möchte mich aber von diesem Chauvinismus distanziert wissen). Sie hatte sich ein wunderbares Wochenende ausgesucht. Wir begannen im Louvre. Traf sich gut, denn Mona Lisa war auch gerade da (erneute Anmerkung: Im aktuellen SPIEGEL schreibt Ulrich Fichtner in der Rubrik Global Village, dass sie erst vor wenigen Monaten umgehangen wurde, dass stündlich 2100 Menschen vor ihr stehen, sie fotografieren, sich fotografieren, sich mit ihr und sie mit sich fotografieren und dass das Wächterpersonal dieses erst seit Juni nicht mehr untersagt). Ein nächtlicher Spaziergang an der Seine und ein anschließender Café-Besuch inkl. Kakao für 4,40 Euro rundeten den Ankunftstag ab.

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Samstag dann Montmartre. Im Sonnenschein lagen wir vor Sacre Coeur im Gras und glotzten auf die Stadt. Kein Pariser kann mir erzählen, dass er nicht selber gerne dort ist. Anschließend habe ich endlich den Weinberg gefunden, in Herbstfarben leuchtend. Pigalle, Pigalle, das ist die kleine Mausefalle… Inmitten von Sexshops, Pornotheken und Erotikboutiquen liegt die Moulin Rouge. Anschließend waren wir in Notre Dame, wieder Gottesdienst, gleicher Weihrauch-seliger Priester. Nach der Stärkung mit einem ordentlichen Sandwich grec im Quartier Latin ging es zur Fanmeile auf den Champs des Mars. England gegen Südafrika. Betrunkene Engländer pöbelten erstaunlich wenig, verloren und zogen traurig ab. Wir hingegen waren froh, in der Rue Mouffetard einen warmen Pub mit günstigem Bier (der halbe Liter für 4 Euro) gefunden zu haben, auch wenn der Barmann mir anstatt eines 2-Euro-Stückes 500 Lire herausgab, naja. Dort werde ich nun öfter hingehen, nicht nur aus numismatischem Interesse.

Sonntag haben wir dann eine Radtour gemacht, sind dabei auch die Avenue des Champs Elysées hochgefahren (ja, das Pflaster ist tatsächlich ziemlich schlecht, deshalb fährt die rollende Apotheke im Sommer immer ganz rechts in der Abwasserrinne), haben das obligatorische Beweisfoto gemacht und sind dann über Eiffelturm, Invalidendom und Jardin du Luxembourg zur Rue Mouffetard gefahren, um einen Franzosen-Döner zu verspeisen: einen Crèpe mit Salat, Tomaten, Zwiebeln, Käse, Thunfisch oder Schinken und sehr satt machend. Anschließend durfte Anja dann warten (siehe auch den folgenden Artikel), ihr Zug hatte zwei Stunden Verspätung. Aber er fuhr immerhin.

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Dann ist noch festzustellen, dass mittlerweile meine vierte Uniwoche fast zu Ende ist, nur noch ein Kurs bei Carlo Vercellone (der auch so spricht wie er heißt) und dass somit ein Drittel meines Studiums hier bereits vorüber ist (es schadet das Verweilen) … Achja, ich habe beim Crèpe-Machen am Dienstagabend einen Franzosen kennengelernt, der sehr nett war und lustig. Der kommt sogar mehr oder weniger aus Paris. Und wir konnten recht gut kommunizieren. Von daher, bonne chance à tous! Ca va bien.

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Ein Besuch, ein Fauxpas und ein dicker Hund

Verfasst von danielsprenger am Dienstag, 16 Oktober 2007

      Aufgrund der schreibfaulen letzten Woche darf nicht auf einen allgemeinen Leistungseinbruch bzw. Untätigkeit bei der weitergehenden Stadterkundung geschlossen werden. Das würde den Fakten diametral entgegenstehen: Mit Henning habe ich ein volles Programm abgerissen. Das Paris des nur kurz vorbeischauenden Touristen ist nunmal ein anderes als das des länger hier Wohnenden, darum aber nicht schlechter, sondern nur gedrängter. Zum Glück hatte Henning auf der Speicherkarte seiner neu gekauften Digitalkamera aber genug Platz, um sich hinterher noch einmal genau angucken zu können, was er eigentlich so gesehen hat… (wenn auch nur durch die Linse seiner Ixus)… Einige Highlights seines Aufenthalts und der letzten Woche seien hier stichpunktartig genannt:

-      Der Besuch des Flohmarkts in Saint Ouen, wo es hieß: Henning Weidemann kauft sich keine Hose, geht aber mit essen (beim sehr günstigen Asiaten, dort aber nur die Nudeln, die dieses Mal 3 Euro anstatt 2,50 Euro kosteten). Wir sind dieses Mal noch dichter in die engsten Antiquitäten-Gassen durchgedrungen und fanden es herzallerliebst dort;

– -   Der Rundgang durch das Marais- und das Beuabourgviertel mit dem Besuch der Kirche St. Eustache (die wie ich finde architektonisch beeindruckender ist als Notre Dame);

- - – Was auch eine Erwähnung wert ist, ist der dicke Hund, der im Parc de Bercy Schwierigkeiten hatte, nach dem Baden wieder aus der Rinne rauszusteigen;

- - – Mein erster richtiger Restaurantbesuch hier, natürlich beim Asiaten in „Chinatown“, das sich direkt zwischen der Rue Tolbiac und den Hochhauskolossen der Olympiades erstreckt und den Besucher glauben macht, er befinde sich eher in Peking als in Paris. Ich bestellte mir ein Gericht, dachte, das sei für 6,50 Euro aber günstig, orderte dann auf Nachfrage noch „Riz Thai“ (was ich aber ehrlich gesagt nicht verstanden habe, aber man will ja nicht auffallen) und hatte so dann zwei Gerichte, wovon das als Beilage bestellte letztlich umfangreicher als das Hauptgericht war. Zusammen kostete es dann auch gleich 13 Euro!

- - – Der Samstagsspaziergang am Kanal St. Martin war auch nicht schlecht, hier begann ich aufgrund eines Weidemannschen Vorschlags, auch mal in Schwarzweiß zu fotografieren;

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In Notre Dame spricht mich eine überaus gut aussehende Französin an, ob ich nicht mit ihr den Master Etudes Européennes studiere. Ich bin völlig perplex (in NOTRE DAME spricht MICH eine FRANZÖSIN an?!), das geht über mein Fassungsvermögen und überrascht meinen Spontanreaktionswortschatz, so dass ich nur kurz nach ihrem Namen fragen kann (ohne ihr meinen zu sagen, oh Gott) und nach ihrer Nationalität, die ich natürlich vorher schon bemerkt hatte… Ich ignoriere Machiavellis Warnung, dass man, sofern man die günstige Gelegenheit in Form einer schönen Frau beim Entgegenkommen nicht direkt am Schopfe zu packen gedenkt, nach zu langem Überlegen und Abwarten nur noch den kahl geschorenen Hinterkopf berühren kann… (nachzulesen glaube ich im „Fürsten“). Ich traue mich nicht, sie nochmal anzusprechen, was soll ich auch sagen, im Nachhinein war´s vielleicht doof, ich hätte so immerhin fast einen Einheimischen kennengelernt. In Notre Dame fand ein Gottesdienst statt. Der Priester machte ein sehr glückliches Gesicht, auch die permanent, gerne auch mit Blitz, fotografierenden Touristen, die das Geschehen vorm Altar wie eine Vorführung der Brauchtumsgruppe Hintertupfingen betrachteten, störten ihn nicht im Geringsten. Er hatte aber auch extra eine ganz große Portion Weihrauch zum Schwenken parat gehabt;

Das Rugby-Halbfinale wurde am Abend dann zwar leider verloren, es blieb aber friedlich auf den Champs des Mars, zuvor hatten vornehmlich Frauen mit schrillster Stimme schwachsinnige Texte gesungen, ohne von dem harten Spiel nur die geringste Ahnung zu haben. England und Frankreich waren beide sehr defensiv eingestellt, am Ende hatte England etwas mehr Glück. Über den Trocadéro ging es zum Champs Elysées, wo keine Siegesfeier stattfand, aber dieses atmosphärisch dichte Foto entstand, das von der ersten Pariser Zusammenkunft der beiden ehemaligen Syker Gymnasiasten seit sieben Jahren zeugt.

 

 

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Eine allgemeine Feststellung bezüglich der bevorzugten Freizeitbeschäftigung der Einheimischen (oh, wie leicht man dieses Wort als Hobbyanthropologe und Mentalitätsforscher in den Mund nimmt…) wurde von uns auch noch gemacht, inklusive Ursachenforschung: Wir tendieren dahin zu sagen, dass die Parks und Gärten, Plätze, Wiesen, Quais und derlei mehr deshalb so stark frequentiert werden, weil die Wohnungen einfach zu klein sind zum Immerdrinbleiben. Auch ich habe heute im schönsten Sonnenschein (es ist Mitte Oktober und ich kann mit T-Shirt da rumsitzen) wieder von den sehr bequemen Stühlen im Jardin du Luxembourg Gebrauch gemacht, ehe ich in dem übervollen RER nicht mehr sicher war, ob meine Füße nun noch auf dem Boden stehen oder wie lange ich wohl in dieser eingezwängten Haltung mit dem Kopf an die Scheibe gedrückt durchhalten würde… Zum Glück musste ich nur zwei Stationen, bis zum Châtelet. Ein Gewusel aus vorbeihastenden Menschen, die Impressionen der Eile, die Geräusche des Feierabendverkehrs. Am Donnerstag soll gestreikt werden. Na dann mal Prost Mahlzeit.

PS: Mittlerweile ist es mir trotz Vista gelungen, die Fotos in eine angemessene Größe zu komprimieren.

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Die erträgliche Leichtigkeit des Seins

Verfasst von danielsprenger am Dienstag, 9 Oktober 2007

Sowas habe ich noch nicht gesehen: Um halb vier Uhr morgens ist eine vollkommen abgedunkelte Kirche voller Menschen, um halb fünf ist ein recht abgelegener Park zwar nicht überlaufen, so doch gut besucht und sind die Tuilerien nach einer langen Nacht zwar bereits geschlossen, die Spuren der Hunderttausenden Besucher aber auch am nächsten Tag noch zu sehen (und auch zu riechen, die Umsonst-Toiletten sind im 1. Arrondissement nunmal Mangelware…)! Was war los, wie kann das sein? Die Nuit Blanche hat die Stadt von Samstagabend 19 Uhr bis Sonntagmorgen 7 Uhr in Atem gehalten. Und auch ich konnte dabei kaum verschnaufen. Eine Retrospektive des Gangs durch eine nächtliche, hellwache Stadt:

An meiner Métro-Station Olympiades geht es los. Die Linie 14 dient als Verbindung zwischen den einzelnen Orten der Kunstpräsentationen (Video, Musik, Installation, alles zusammen) unter offenem Himmel und in sonst der modernen Kunst eher nicht so offen gegenüberstehenden Gebäuden. Bevor der kulturbeflissene Exilstudent den Verlockungen der einfallsreichen Veranstaltung erliegt, begibt er sich zum Place de l´Hotel de Ville, wo auf Riesenleinwand das Rugby-Viertelfinale Frankreich-Neuseeland übertragen wird. Die Franzosen sind nach einhelliger Expertenmeinung der deutschen Erasmusse eindeutig unterlegen, gewinnen am Ende aber überraschend und nach einem wirklich spannenden Spiel mit 20:18 Punkten. Am Rande aufgeschnappte Widersprüche: Zu Beginn darf ich mein Wasser nur ohne Deckel mit rein nehmen, am Ende sind alle Polizisten komplett abgezogen (?); die Nationalhymne wird inbrünstig mitgesungen („Marchons, marchons,…“), erscheint Sarkozy auf dem Bildschirm wird, darin die unflätigen Szenen auf deutschen Fanmeilen, wo Angela Merkel mit Schmährufen überzogen wurde, kopierend, genauso inbrünstig und zuverlässig gebuht, was dem Politikstudenten als doch sehr einseitig populistische Meinungsäußerung jenseits jeglicher deliberativer Diskussionsfähigkeit vorkommt. Oder vielleicht hatten sie Angst, dass der Hyper-President mitspielen will…

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Nach dem Ende des Spiels geht es los, die Straßen voller glücklicher Franzosen und einiger ratloser Touristen. Etwas Seltenes hierbei: Die Franzosen sind tatsächlich in der Mehrzahl! Erste Station: die Tuilerien. Feuertöpfe wärmen die Besucher und sorgen für Campingstimmung, das diffuse Licht lässt die Szenerie unwirklich erscheinen. Zweite Station: Die Brücke zum Louvre, deren Name mir momentan nicht einfällt: Videoinstallation über nach Paris zugewanderte Menschen. Dann folgt St. Eustache mit der kritischen Projektion alter Bodybilder auf die Kirchenwand, bevor in der Madelaine dem Besucher Gedichte ins Ohr geflüstert werden, durch lange blaue, das Dunkle durchteilende Flüstertüten, dazu sphärische Klänge unterbrochen von Vogelgezwitscher. Das hat mir am Besten gefallen. Auf dem Rückweg schaue ich mir noch kurz den senkrecht stehenden Bus im Park Bercy an und gehe über die geschwungene Brücke (keine Installation, die ist immer da) an der Biblithèque vorbei nachhause. Was für eine Nacht.

Und am Sonntag dann zunächst ein Picknick im Parc Butteschaumont, von wo aus man einen Panoramablick bis weit über die Stadt hinaus gen Osten hat. Romantisch steht ein Pavillon auf der Spitze des Felsens, unter dem sich ein See auftut. Darüber ein Himmel von einem unwahrscheinlichen Blau. Im Centre Pompidou sehe ich in ebendiesem einen roten Sonnenball neben dem Eiffelturm untergehen, der Eintritt ist frei jeden ersten Sonntag im Monat. Das Klischee ist zurückgekehrt und ich bin froh, dabei zu sein. Wenn ich bislang, wenn auch nur leichte, Zweifel gehabt haben sollte, ob Paris die richtige Entscheidung für mich war… JA, sie war richtig. Darin fühle ich mich nach diesem Wochenende bestätigt.

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Alles ist zudem tatsächlich einfacher geworden und besser abgelaufen als gedacht. Der Klempner hat das Klo, das er am Tag vorher erst richtig zerstört hat, prompt wieder repariert, meine Kurse sind in der zweiten Woche größtenteils interessanter als in der ersten, meine Bachelorarbeit hat auch schon einen Betreuer gefunden und ich für sie sogar schon ein Thema (die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik) und letztlich spielt auch das Wetter wieder mit. Kurzum: Das Klischee ist wieder bereit, seine Dienste zu leisten. Ab morgen werden diese auch von Henning W., der mich besuchen kommt, in Anspruch genommen. Es gibt noch soviel zu tun. On y va.

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Der Tag der Deutschen Einheit – Anmerkungen aus dem befreundeten Ausland

Verfasst von danielsprenger am Mittwoch, 3 Oktober 2007

Tag der Deutschen Einheit, in Paris. Von den schon in Deutschland ja nicht besonders ausgeprägten Feiern ist hier nichts zu spüren. Die Franzosen, ja die Franzosen, die sind so, die interessiert das gar nicht. Mein Geburtstag wurde von ihnen ebenfalls mit weitgehendem Desinteresse aufgenommen (wie überdies von einem Großteil der in BERLIN wohnenden lieben Freunde und Freundinnen ja auch !!! Wink mit dem ganzen Zaun, dessen Tor aber noch ein Stück breit geöffnet ist…). Bei meiner kleinen Feier am Montagabend waren acht Leute da, was für die Zimmergröße eine ganz ordentliche Auslastung bedeutet (dankenswerter Weise stellte Frieda mir ihr Zimmer zur Verfügung, so konnten tatsächlich alle sitzen!); fast alle waren deutsch, aus Gründen der deutsch-finnischen Freundschaft wurde als gemeinsame Sprache aber meistens Französisch beibehalten. Ich bekam sogar einen Kuchen. Eine kleine Blume. Und Weingläser. Ich mag meinen Geburtstag ja nicht besonders, habe mich über den schönen Abend aber gefreut!

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Am nächsten Morgen stand dann eine weitere Vorlesung auf dem Programm: Introduction à l´économie. Dort zu folgen war mir nicht immer möglich. Dabei ist das mein einziger Kurs aus dem Bachelor, der hier License heißt. Die Kurse im Master sind, so paradox es klingen mag, für mich größtenteils leichter, die Themen sind mir aber auch schon bekannt. Nur beim Kurs „Contentieux communautaire“ (am Montagmorgen um 08:30 Uhr, von wegen Erasmus-Studenten seien nicht fleißig) wollte mir bis zum Ende nicht klar werden, was eigentlich genau „Contentieux“ bedeutet. Letztlich steht es für Streitfrage, aber das nur am Rande. Generell ist meine Einschätzung zum französischen Universitätsbetrieb nach drei Tagen die folgende: Schon die Anordnung der Tische auch in den kleineren Sälen weist darauf hin, dass vor allem Frontalunterricht Sinn und Zweck der Kurse ist. Die Professoren sitzen auf dem Podium und erklären ihr Fach. Nachfragen sind schon erlaubt, ein Unterrichtsgespräch ergibt sich dennoch nicht. Das ist der Fall in den Cours Magistraux, deshalb den deutschen Vorlesungen vergleichbar. Allerdings gibt es nur in Einzelfällen die Vorlesungen begleitende Seminare, die dann aber auch nach dem Frontalprinzip, nur mit weniger Studenten, funktionieren. Das ist sicherlich nicht optimal. Am schlimmsten aber war das Erlebnis gestern Abend, die Vorlesung „Grands problèmes géostratégiques du monde contemporain“ versprach viel und hielt wenig: M. Campagnola klammerte sich an sein Mikrofon und diktierte den willig mitschreibenden Studenten seine Sätze in den Block. Das war unglaublich: Normalerweise ist eine Vorlesung trotz des Namens eine halbwegs interessante Veranstaltung, hier wurde der Name wörtlich genommen. Und die französischen Studenten machen sich nicht nur Notizen, die schreiben alles mit. JEDES WORT. Mon Dieu. Warum? Da kann man auch gleich in die Bibliothek gehen, da hat man mehr davon. Tja, und dann rettete heute Abend ausgerechnet ein Deutscher, Prof. Hans Stark, den Ruf der Sorbonne, indem er eine lebhaft erzählte, von Exkursen begleitete Vorlesung über die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik hielt. Das war mal richtig gut, der beste Kurs bislang. Wie zuhause. Am deutschen Lesen soll die Welt genesen!

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Noch einige praktische Informationen: Morgen kommt der Klempner (frz.: Plombier), um das auslaufende Klo bei uns zu reparieren. Die Miete wurde ja bereits wegen der nach wie vor nicht ausziehen wollenden Kakerlaken (die erneute Wärme scheint ihnen gut zu tun, wobei sie sich aber vor allem auf den Flur und Friedas Zimmer konzentrieren) um 100 Euro für den Oktober reduziert. Das Wetter ist wieder besser geworden. Schwül, aber kaum Regen. Am Wochenende steigt die Nuit Blanche, dazu dann mehr. Wenn ich jetzt aus dem Fenster sehe, ist keine Auffälligkeit festzustellen. Es schreit dort keiner rum, es rotzt keiner auf die Straße, singen tut auch keiner, Bob Marley, der gestern mit einem Handtuch auf dem Kopf irgendwas auf den Bürgersteig geschrieben hat, ist nicht da und im Moment fährt auch keines der täglich zehn Reinigungsfahrzeige dort entlang. Es wird Nacht in Paris. Je vais me coucher.

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