Jonathan Meese ist ein deutscher Maler, Aktions- und Performance-Künstler aus, Achtung Gerold: Ahrensburg. Am Freitagabend war er zu Gast beim Goethe-Institut, bei dem ich ja zugegebenermaßen sehr gerne ein Praktikum gemacht hätte, mich dafür aber zu spät beworben hatte. Aufgrund des diesmal deutschen Bahnstreiks kam er zu spät, das „Centre Culturel Allemand“, dass sich passenderweise in der Avenue d´Iéna (wo Napoleon 1806 einen seiner größten Erfolge gegen Preußen und Russland erzielte) befindet, reichte derweil Knabbereien, Wein und BIONADE. Ja wirklich, wie zuhause. Merveilleux! Später wurde dann ein Film zur Einstimmung vorgespielt, in dem Meese vier Bilder malt, sich anschließend ein Eisernes Kreuz ins Auge steckt, den Hitlergruß macht und Unverständliches nuschelt, um die Sprache der Nazis zu karikieren. Harte Kost. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was ich von ihm halten soll. Und dann kommt er von rechts auf die Bühne, während hinter ihm der Film weiterläuft. Ungewollt und genial, dieses Aufeinandertreffen. Wie betrachtet der Künstler sich selbst? Meese ignoriert sich zunächst, kommt dann aber nicht umhin, sich auf der Leinwand zu streicheln. Damit ist der Grundstein für die folgenden anderthalb Stunden gelegt. Improvisation, teils sinnlose, teils bedeutungsaufgeladene Objektbehandlung, blanker Unsinn und mitunter grober Unfug lösen sich ab. In seinen Arbeiten setzt der langhaarige 37-jährige Wahlberliner sich mit der deutschen Mythologie und dem deutschen Wahn auseinander, deshalb der stete Rekurs zum Hitlergruß, den er mit Zahnbürste im Mund oder Banane in der Hose vollzieht. Diverse Sachen packt er zu Beginn aus seiner Tasche. Es gibt danach keine feste Dramaturgie, immer wenn er was wiederfindet auf der recht schnell komplett zugemüllten Bühne, macht er etwas damit.
Manchmal fühle ich mich an Helge Schneider oder entfernt auch an Harald Schmidt erinnert, nur ist der Wille zur totalen Anarchie, die Meese als „Diktatur der Kunst“ bezeichnet, ausgeprägter. Die Bananen dienen ihm als Mittel, den Kolonialismus zu erklären (der eigentlich bereits bei den Römern begonnen habe, „Der Octavian, der hat Scheiße gemacht. Ganz große Scheiße“), gleichzeitig steckt er sich die Schalen und, ja, da ist die Dame im Pelz vor uns in der Reihe dann mal lieber schnell in ihre bourgeoise heile Welt zurückgeflüchtet, auch die bereits angekauten Bissen in den Hosenschlitz (eine Stunde später holt er sie dort wieder heraus, um sie Scarlett Johansson ins Gesicht zu schmieren. Die hübsche Schauspielerin auf einem kitschigen Plakat dient ihm als Gegenpart zur Hässlichkeit seiner unglaublich witzigen Darbietung).
Wie ein Derwisch wirbelt Meese über die Bühne, tanzt mit den Skeletten, zerschlägt mit einem Kreuz, auf dem in bester Nietzsche-Manier Gott steht, den Globus und erklärt zwischendurch immer mal was. Mussolini, Hirohito (Meese ist in Tokio geboren worden) und Hitler und Stalin, über alle verliert er ein paar Worte. Meist endet er dabei mit einer Selbstbekräftigung à la „Das lass ich mir auch nicht mehr ausreden“. Fast während der ganzen Zeit wird in einer Endlosschleife das Popcorn-Lied gespielt, zu dem er mal verrückt herumhüpft oder mal Deo und Wein versprüht. „Da hab ich kein Problem mit“, auch nicht, sich Dr. No mit Lippenstift auf die Brust zu schreiben oder sich mehrere Minuten die Haare zu kämmen. Am Ende gibt es großen Applaus, ich bin restlos begeistert (und das lass ich mir auch nicht mehr ausreden), sowas hier gesehen zu haben. Das ist der Vorteil: Im Ausland sind in Deutschland bereits sehr bekannte Künstler einfacher zu sehen (siehe auch Wir sind Helden im letzten Monat), das Goethe-Institut bietet sie zudem auch noch umsonst. Am Mittwoch kommt Günter Grass ins Centre Pompidou. Da werde ich hingehen, vielleicht lerne ich dann mein schriftstellerisches Idol kennen. Da habe ich kein Problem mit.



