Ein Hörsaal, derart gefüllt, dass die Studentenmasse auf den Flur überquillt. Eine Diskussion, die das Prädikat „sinnvoll“ schon bei der vorletzten Veranstaltung ähnlicher Art eingebüßt hat (Was soll es denn auch Neues geben, nach drei Tagen?). Eine Einstellung der Hauptverursacher, die für mich nur noch schwer nachvollziehbar und eher mit mutwilliger Sabotage zu erklären ist. Kurzum: Assemblée Générale in der Sorbonne Nouvelle Paris III. Um das Ergebnis, das schon zu Beginn feststand, vorwegzunehmen: Die Blockade geht weiter, bis Freitag, dann gibt es die nächste (die sechste) Vollversammlung. Und auch darin werden die immer gleichen Parolen geschwungen werden, die immer gleichen Diskussionsleiter werden die immer gleichen schwachsinnigen Dinge vortragen und am Ende wird die Mehrheit für eine Verlängerung stimmen und darüber in lauten Jubel ausbrechen. Heute habe ich wenigstens mal mit abgestimmt. Mein gehobener Arm „Contre le blocage“ war mit einigen anderen so etwas wie eine bestaunte und belächelte Minderheit. Wessen Geistes Kind die Wortführer und Verfechter des Unistreiks sind, konnte ich an zwei Stellen exemplarisch erleben.
Einmal, als ich eine vor einer Unterschriftenliste sitzende Studentin darauf ansprach, warum der Vorschlag des Uni-Präsidenten, anstatt per Handzeichen mittels geheimer Wahl abzustimmen, heute nicht umgesetzt wurde. Der sei undemokratisch, war die Antwort. Er würde nur nach der Blockade fragen, nicht aber nach dem Gesetz, das durch die Blockade gerade gestoppt werden soll. Ok, dachte ich, kann man so sehen. Später hörte ich dann von anderen, dass die Befragung aller Studenten dennoch am Donnerstag stattfinden soll. UND DASS SIE MÖGLICHST VON DEN BESETZERN DES UNIGEBÄUDES VERHINDERT WERDEN SOLL. Offensichtlich fürchten sie sich vor dem Ergebnis, vielleicht fällt es nicht so klar aus wie durch Handzeichen. Man könnte den ganzen Tag über abstimmen, es würden nicht nur die sowieso schon von den revolutionären Sprüchen ermutigten Studenten kommen, sondern evtl. auch die bislang an den Versammlungen Nichtteilnehmenden. Auch wenn ich trotzdem irgendwie nicht glaube, dass bald eine Mehrheit GEGEN die Blockade zustande kommt: Es wäre einen Versuch wert. Ihn verhindern zu wollen und als undemokratisch abzutun, zeigt, wer hier wirklich undemokratisch agiert und mit zweierlei Maß, ganz wohlgefällig im Besitz der vermeintlich alleinseligmachenden Lösung, misst.
Eine weitere aussagekräftige Beobachtung habe ich zudem gestern früh gemacht: Dort saßen Gitarrespielende Studenten vorm Haupteingang und sangen. Schön, wirklich nicht schlecht. Aber: Sie haben wirklich Spaß daran, dass anderen ihr Studium versaut wird. Vielleicht hätten sie vorher überlegen sollen, ob sie singen oder lernen wollen.
Ich möchte das gar nicht so scharf kommentieren, aber mittlerweile ist das Maß echt voll. Und es ist nicht mal vollkommen unmöglich, dass bei positivem Ausgang der Abstimmung am Donnerstag (also für ein Ende der Zwangspause) die Polizei kommen muss, um die Besetzung zu beenden. Die französischen Kommilitonen meinten, das sei schon öfters der Fall gewesen. Aus verblendetem Idealismus kann somit eine sehr unangenehme Situation entstehen. Die ist derzeit aber kaum besser: Die ERASMUS-Studenten werden nach Vorzeigen ihrer Ausweise durchgelassen, da ihre Sprachkurse weiterhin stattfinden (was ich bis heute nicht wusste, da die Informationen nur spärlich durchfließen). Das ist einerseits gut, andererseits erinnert das doch sehr an Passierschein und Transitgenehmigung. Einem Studenten seinen Ausweis zeigen, um in die Uni zu kommen. Ein Stück aus Absurdistan, willkommen in Frankreich!





