Reise-Blog

Beobachtungen und Anmerkungen von unterwegs

Archiv für November 2007

Die Blockade wird fortgesetzt – zum fünften Mal!

Verfasst von danielsprenger am Dienstag, 27 November 2007

Ein Hörsaal, derart gefüllt, dass die Studentenmasse auf den Flur überquillt. Eine Diskussion, die das Prädikat „sinnvoll“ schon bei der vorletzten Veranstaltung ähnlicher Art eingebüßt hat (Was soll es denn auch Neues geben, nach drei Tagen?). Eine Einstellung der Hauptverursacher, die für mich nur noch schwer nachvollziehbar und eher mit mutwilliger Sabotage zu erklären ist. Kurzum: Assemblée Générale in der Sorbonne Nouvelle Paris III. Um das Ergebnis, das schon zu Beginn feststand, vorwegzunehmen: Die Blockade geht weiter, bis Freitag, dann gibt es die nächste (die sechste) Vollversammlung. Und auch darin werden die immer gleichen Parolen geschwungen werden, die immer gleichen Diskussionsleiter werden die immer gleichen schwachsinnigen Dinge vortragen und am Ende wird die Mehrheit für eine Verlängerung stimmen und darüber in lauten Jubel ausbrechen. Heute habe ich wenigstens mal mit abgestimmt. Mein gehobener Arm „Contre le blocage“ war mit einigen anderen so etwas wie eine bestaunte und belächelte Minderheit. Wessen Geistes Kind die Wortführer und Verfechter des Unistreiks sind, konnte ich an zwei Stellen exemplarisch erleben.

Einmal, als ich eine vor einer Unterschriftenliste sitzende Studentin darauf ansprach, warum der Vorschlag des Uni-Präsidenten, anstatt per Handzeichen mittels geheimer Wahl abzustimmen, heute nicht umgesetzt wurde. Der sei undemokratisch, war die Antwort. Er würde nur nach der Blockade fragen, nicht aber nach dem Gesetz, das durch die Blockade gerade gestoppt werden soll. Ok, dachte ich, kann man so sehen. Später hörte ich dann von anderen, dass die Befragung aller Studenten dennoch am Donnerstag stattfinden soll. UND DASS SIE MÖGLICHST VON DEN BESETZERN DES UNIGEBÄUDES VERHINDERT WERDEN SOLL. Offensichtlich fürchten sie sich vor dem Ergebnis, vielleicht fällt es nicht so klar aus wie durch Handzeichen. Man könnte den ganzen Tag über abstimmen, es würden nicht nur die sowieso schon von den revolutionären Sprüchen ermutigten Studenten kommen, sondern evtl. auch die bislang an den Versammlungen Nichtteilnehmenden. Auch wenn ich trotzdem irgendwie nicht glaube, dass bald eine Mehrheit GEGEN die Blockade zustande kommt: Es wäre einen Versuch wert. Ihn verhindern zu wollen und als undemokratisch abzutun, zeigt, wer hier wirklich undemokratisch agiert und mit zweierlei Maß, ganz wohlgefällig im Besitz der vermeintlich alleinseligmachenden Lösung, misst.

Eine weitere aussagekräftige Beobachtung habe ich zudem gestern früh gemacht: Dort saßen Gitarrespielende Studenten vorm Haupteingang und sangen. Schön, wirklich nicht schlecht. Aber: Sie haben wirklich Spaß daran, dass anderen ihr Studium versaut wird. Vielleicht hätten sie vorher überlegen sollen, ob sie singen oder lernen wollen.

Ich möchte das gar nicht so scharf kommentieren, aber mittlerweile ist das Maß echt voll. Und es ist nicht mal vollkommen unmöglich, dass bei positivem Ausgang der Abstimmung am Donnerstag (also für ein Ende der Zwangspause) die Polizei kommen muss, um die Besetzung zu beenden. Die französischen Kommilitonen meinten, das sei schon öfters der Fall gewesen. Aus verblendetem Idealismus kann somit eine sehr unangenehme Situation entstehen. Die ist derzeit aber kaum besser: Die ERASMUS-Studenten werden nach Vorzeigen ihrer Ausweise durchgelassen, da ihre Sprachkurse weiterhin stattfinden (was ich bis heute nicht wusste, da die Informationen nur spärlich durchfließen). Das ist einerseits gut, andererseits erinnert das doch sehr an Passierschein und Transitgenehmigung. Einem Studenten seinen Ausweis zeigen, um in die Uni zu kommen. Ein Stück aus Absurdistan, willkommen in Frankreich!

Veröffentlicht in Pariser Notizen | Kommentar schreiben »

Ausland ohne Studium…

Verfasst von danielsprenger am Samstag, 24 November 2007

Die letzte Assemblée Générale am Donnerstag hat ergeben, dass die Blockade der Universität bis Dienstag fortgesetzt wird. Dann gibt es eine weitere Generalversammlung, die mittlerweile dann fünfte. Als ob sie nichts anderes zu tun haben, als mittels schüttelnder Hände für eine Verlängerung des nach zwei Wochen echt nervigen Bildungsboykotts zu sorgen. Die Wut wächst. Bei mir. In meinem europawissenschaftlichen Studiengang kann man die Unterstützer dieses Vorgehens an einer Hand abzählen. Doch insgesamt gibt es viele, viel zu viele, die blind den so einfachen und vermeintlich einzig richtigen Argumenten folgen (und zudem noch Solidarität mit den Bahnstreikenden bei SNCF und RATP anmahnen). Ich habe, selbstverständlich, Respekt vor den Überzeugungen anderer, doch neigt der sich irgendwann dem Ende, und zwar ziemlich genau dann, wenn er die Rechte (auf den Zugang zur Uni zum Beispiel) und Wünsche (nach termingerechter Beendigung des Studiums) anderer verletzt. In diesem Sinne kann ich sehr gut verstehen, wenn jemand zur Aussage „Gauchistes hors de la Fac“ (Linke, raus aus der Uni!) kommt, auch wenn ich sie nicht an die Wand gesprüht hätte…

Zumindest ist der Streik der Bahnen erstmal wieder vorbei. Man kann also wieder bis zur Uni fahren, nur ist die halt geschlossen. Deshalb ist man gezwungen, sich andere Beschäftigungen zu suchen. Ein Vorschlag zum Alternativprogramm am Beispiel meiner Woche:

Dienstag: Mal so richtig schön fernsehen, und zwar Schmidt und Pocher auf DVD; später SPIEGEL lesen.

Mittwoch: Sich zum Vorstellungsgespräch ins ARD-Studio Paris begeben, auf dem Weg dorthin feststellen, dass die Bahnen immer noch nicht so richtig fahren und der Andrang bei der Linie 1 im Chatelet so groß ist, dass die Menschen nicht mal bis auf den Bahnsteig kommen, sondern weit vor der Treppe dahin anstehen müssen; dann zu Fuß weitergehen, ins Schwitzen kommen und zum Glück nur wenig nach 11 Uhr das Büro des Studioleiters erreichen. Mit dem ein nettes Gespräch über die eigenen Ambitionen auf einen Praktikumsplatz und generelle journalistische Themen führen, ehe man durch das Studio geführt wird (klein, aber gut ausgestattet). Dann den gewünschten Praktikumsplatz zugesagt bekommen, triumphierend und mit einem Lied auf den Lippen den Champs-Elysées hochlaufen, kurz beim Arc de Triomphe verschnaufen, ehe man nach La Défense weiterfährt (die Métro ist schließlich immer noch umsonst!). In dem größten Büroviertel Europas die meist wirklich gelungene moderne Architektur, darunter den Grande Arche, bewundern, bei einem Boulespiel von Managern in ihrer Mittagspause zuschauen (ausschließlich Männersache, Frauen gehen einfach weiter, Männer bleiben fasziniert stehen) und schließlich zurückfahren, um in der Rue Mouffetard einen Crèpe zu essen. Abends dann mit seinem Mitbewohner und dessen charmanter Zwischenmieterin über die momentan wieder gut funktionierende Telefonzelle plaudern und am Ende, kurz vorm Fensterladenschließen denken: Mensch, das war ein wirklich GUTER Tag!!!

Donnerstag: Sich von den Erfolgen des Vortags erholen, mit Bea und Frida über einen Obstmarkt bei Bastille gehen, danach zum Chateau de Vincennes fahren (die Bahnen sind immer noch gratis), dort den einzigen erhaltenen mittelalterlichen Burgturm Frankreichs besichtigen, umsonst, wenn man sich als Kunststudent zu erkennen gibt. Zuhause dann ein Buch anfangen: „Veronika beschließt zu sterben“ von Paulo Coelho, sehr schön, sehr weise, sehr nachdenklich. Es handelt von der Prise Verrücktheit, die nötig ist, das eigene Leben lebenswert zu machen und so aus der Bitterkeit auszubrechen. Es wendet sich gegen Gleichmacherei und falsche Scham, gegen Duckmäusertum und Unselbstständigkeit. Nur sollte man beachten, nicht zuviel Verrücktheit an den Tag zu legen, da das zu ebenfalls nicht so positiven Auswirkungen führen kann, wie man in den Straßen von Paris jeden Tag sehen kann.

Freitag: Das Buch gefesselt in einem Zug zuende lesen, dann in den Louvre fahren (die Métro kostet wieder was!), dort mehrere Bekannte treffen, zuhause Tequilla mit Orange trinken, im Truskel Pub im 2. Arrondissement nicht 7 Euro für ein Bier ausgeben wollen und wegen der komplett verrauchten Atmosphäre vor die Tür gehen, gleichzeitig zu einem immer größeren Verfechter des allgemeinen Rauchverbots werden. Hierzu noch als kleine Schlussbemerkung: Auch Frankreich will ab Januar ein Rauchverbot einführen. Und was passierte diese Woche? Natürlich, die Tabakladenbesitzer haben dagegen protestiert und am Mittwoch gestreikt!

Veröffentlicht in Pariser Notizen | Kommentar schreiben »

Streik, Streik und nochmals Streik!

Verfasst von danielsprenger am Dienstag, 20 November 2007

Ja, hier ist was los. Die Arbeit und der Franzose, zwei Antipoden, die sich in grimmiger Abwehrhaltung gegenüberstehen… Das Zähnefletschen der Arbeiter und das Demonstrieren der Macht von Angestellten nennt man im Wirtschaftsleben für gewöhnlich Streik. Es passiert überall. In Deutschland zurzeit ja auch gerade, der größte Streik in der Geschichte der Deutschen Bahn. Super. Wieder ein Rekord, nicht mehr nur Exportweltmeister. Doch in Deutschland ist das in diesem Ausmaß nun mal selten oder, wie im Konflikt GDL-Mehdorn, sogar singulär. In Frankreich scheint der Streik hingegen zum elementaren Bestandteil der nationalen Psyche zu gehören. Ich schrieb bereits über den Streik der hiesigen Bahnbediensteten, über seine Ursachen und seine Folgen. Er hält unvermindert an. Auch heute. Wieder werden viele Millionen Menschen gebannt auf den gelb leuchtenden Bildschirm starren und darauf hoffen, dass die blau schimmernden Buchstaben ihnen nur Gutes verheißen, dass also dort zu lesen ist: „Ligne 4: 1 rame sur 4″, was bedeutet, dass auf der Linie 4 einer von vier Zügen fährt. Da gibt es andere Linien, die haben eine Frequenz von 10%. Und auf den Linien 8 und 9 gab´s am Wochenende gar keinen Verkehr mehr. Nur die 14 tuckert munter und zuverlässig, ruhig und automatisch vor sich hin. Wie gesagt, damit kann man klarkommen, dass die Fahrten umsonst sind im Moment, ist auch nicht schlecht.

streik-bei-mir.jpg

Womit ich nicht so gut klarkomme, ist die Blockade der Universität. Verschränkte Tische und Stühle stehen dort vor allen Eingängen. Hier wehrt sich eine linke Studentenschaft gegen die rechte Regierung, hier soll ein Gesetzesvorhaben, das die Macht des Rektors erhöht und laut Befürchtungen der Studenten die Privatisierung der Hochschulen durch eine neue Autonomie-Regelung vorantreibt, verhindert werden. Deshalb ist die Uni seit letztem Mittwoch geschlossen. Bis Donnerstag wird das so bleiben, eine Situation, an der ich nichts ändern kann, die mich aber um die Möglichkeit bringt, in der Bibliothek schon mal z.B. für die Bachelorarbeit zu recherchieren. Eigentlich ziemlich dumm, die auch abzusperren. Und es ist längst nicht sicher, dass die Blockade ab Donnerstag vorbei ist, zweimal wurde sie schließlich schon verlängert. Hoffen wir also mal. Denn mehr als eine Woche zusätzliche Ferien habe ich nicht unbedingt nötig, schließlich bin ich hier ja zum Studieren und nicht zum Streiken hergekommen. Aber vielleicht wird es ja auch sonst eine Lösung geben, die Dozenten haben schon Mails rumgeschickt mit Ausweichplänen, die nicht auf das Uni-Gebäude angewiesen sind. Ich habe sowieso den Eindruck, dass in meinem Studiengang, interdisziplinär und international, kaum einer die Blockade befürwortet. Genauso wenig wie die Forderungen der Bahnbeschäftigten oder die Demonstrationen der kommunistischen Gewerkschaft CGT, deren Mitglieder eben auch unter meinem Fenster langgelaufen sind (siehe Foto) und Sarkozy beschimpft haben. Ich kann derlei genau beobachten, genauso wie ich die erste Folge von Schmidt&Pocher (wirklich sehr gut, hätte ich nicht gedacht!) sowie die Tagesthemen sehen konnte, da ich ja nun erstmal nicht so wirklich was zu tun habe. Morgen werde ich dann mal nach einem wichtigen Vorstellungsgespräch ins Museum zur französischen Geschichte im Marais gehen. Über das Ergebnis des Gesprächs sowie die weiteren Entwicklungen an den Streik-, Blockade- und Protestfronten informiere ich dann umgehend. Sofern mein Laptop nicht streikt.

Veröffentlicht in Pariser Notizen | Kommentar schreiben »

Schlemmen wie Gott in Frankreich!

Verfasst von danielsprenger am Montag, 19 November 2007

Während der letzten fünf Tage habe ich Paris von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Von einer Seite, die ich so noch nie betreten habe und die für mich immer hinter Glas zwar deutlich erkennbar, aber zugleich auch meilenweit entfernt war. Kurzum: Ich wechselte dank meiner Eltern und großzügigem Sponsoring durch meinen Privatsekretär von der kalten Bürgersteigseite in die warme Gemütlichkeit französischer Restaurants; ich tauschte den neidischen Blick auf volle Teller mit dem wohligen Behagen eines nach exzellenten Menus reichlich gerundeten Bauches und genoss die Atmosphäre zwischen Jugendstil und Belle Epoque. Dazu stelle ich fest: Allein deshalb war der Besuch meiner Eltern hier ein großer Erfolg, ein kulinarisches Erlebnis, eine gastronomische Tour de France. Ein Highlight meines bisherigen Aufenthalts hier. Besonders gefallen hat mir dabei das Restaurant Chartier im 9. Arrondissement, wo es französische Spezialitäten (darunter Coq au Vin, leckeres Hühnchen in Rotweinsoße, oder Choucroute Alsacienne, Sauerkraut mit Kassler und Würsten) auf der täglich wechselnden Karte sowie überaus anregenden Rotwein gibt – und das alles zu sehr fairen Preisen. Alle, die jetzt noch auf Besuch hier vorbeikommen, dürfen mich gerne dahin einladen… Die Kellner sind wirkliche Unikate, einer redete zu viel, einer zu wenig, beide schrieben die Bestellung auf die Papiertischdecke und rechneten auch darauf ab. Ein Muss für die Zukunft. Ein Labsal für heute!

papa-vor-laub.jpgkugeln-palais-royal.jpgrechnung-chartier.jpg

Auch der Rest des verlängerten Wochenendes war ganz wunderbar: Bei herrlichstem Sonnenschein und frisch-kalter Luft (die unübersehbar den Winter ankündigt, fast alle Bäume sind nun kahl) sind wir die touristischen Hauptpunkte (siehe Gruppenbild mit Dame) abgelaufen, nicht ohne auch Abstecher in eher unbekannte und von mir gerade deshalb geschätzte Viertel zu machen (Palais Royal mit den Kugeln, Marais, Ile St. Louis, Rue Mouffetard, Montmartre nicht nur direkt vor der Sacre Coeur). ABGELAUFEN trifft es, denn die Métro streikt wieder. Diesmal aber länger. Morgen haben sie eine Woche rum. Was für eine Leistung. Mein Wochenticket war wirklich für´n A…. Das sollen die mir mal ersetzen. Da könnte ich mich aufregen, tue es aber nicht. Man lernt hier, die Sachen, die man eh nicht ändern kann, hinzunehmen. Vielleicht ist der Streik bald vorbei, vielleicht aber auch nicht. Was soll´s. Es klappte meist ja auch so, da wartet man dann eben 50 Minuten auf die Bahn (ja, nicht überall ist „trafic=nul“, bei einigen fährt immerhin einer von 10 Zügen) – warum sollte das in der zweiten Streikwoche anders sein? Der RATP gehen jedenfalls viel Einnahmen verloren, da sie auf den Linien, die noch fahren (auch meine vollautomatisierte und immer pünktliche Linie 14), kein Beförderungsentgelt erhebt zurzeit.

gruppenbild-mit-dame.jpg

Trotz dieser vermeintlichen Einschränkung und durch die Erkenntnis, dass sehr gutes Essen nicht sehr viel kosten muss, bin ich nun vollends mit dieser Stadt versöhnt. Im Bewusstsein, dass im Grunde die Hälfte meines Aufenthalts bald rum ist, bekomme ich so etwas wie Torschlusspanik. Was ich noch alles sehen will, wo ich noch nicht war… Ich habe noch ein volles Programm. Und nur noch begrenzte Zeit.

Veröffentlicht in Pariser Notizen | Kommentar schreiben »

Keep it short and simple!

Verfasst von danielsprenger am Dienstag, 13 November 2007

Ich schreibe nun kürzere Texte. Ban-Sok hat die letzten noch nicht gelesen. Der hat sehr viel zu tun, meint er. Darauf nehme ich nun Rücksicht. Ich werde nur noch das Wesentliche erwähnen. Dabei verwende ich hauptsächlich Hauptsätze.

Sonntagnacht bin ich aus Poitiers zurückgekehrt. Dort hat es mir sehr gut gefallen. Die internationale Damen-WG in der Rue Jean Jaurès war schon lustig. Dann die Party in dem Studenten-Haus, mit vielen Latinos und interessanten Gesprächspartnern: Für Pariser Verhältnisse unvorstellbar großer Wohnraum und eine hochwertige Ausstattung. Dort habe ich auch eine nette Litauerin kennengelernt und mich gut und intensiv mit ihr unterhalten. Bereits direkt nach der Ankunft am ausgesprochen hässlichen Gare Montparnasse erfuhr ich dann aufs Neue die Blasiertheit der Großstadt, von der Georg Simmel in seinem genialen Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ spricht, am eigenen Leibe. Ich hatte mir eine Wochenkarte beginnend ab dem 12. November gekauft. Es war bereits nach 0 Uhr, ich steckte sie in den Schlitz und… nichts passierte. Ich ging zu der Frau am RATP-Schalter. Ich fragte: „Pourquoi ca ne marche pas?“ Sie sagte: „Erst ab 5 Uhr.“ Ich gab zurück: „Mais pourquoi ca?“ Sie sagte doch tatsächlich: „Parce que c´est comme ca, Monsieur!“ In diesem Moment hätte ich zum Mörder werden können. Ich gab folglich nur noch grummelnde Laute des blanken Hasses zurück und musste wohl oder übel ein Einzelticket nehmen. In Paris beginnt die Woche erst um 5 Uhr. Das ist meiner Ansicht nach nicht normal. Nicht normal ist auch, dass unser Kühlschrank nach einem Kurzschluss nicht mehr ging. Gleichsam der Herd. Meine Sachen habe ich deshalb in einer Plastiktüte verstaut und diese mit Kabelbinder am Fenstergitter befestigt. Selbst damit kommt man irgendwie klar. Die Fähigkeit zur Adaption an widrige Umstände kommt mir hier zugute.

Auch mit dem Streik, der ab morgen nahezu den ganzen Verkehr hier lahmlegen soll, werde ich mich abfinden müssen. Außer der Linie 14, die dank Automatisierung normal fahren wird, werden nur 10 % der Züge und Busse verkehren. Das ist schon heftig, zumal damit ein Gesetzesvorhaben blockiert werden soll, das die unzeitgemäßen Sonderregelungen zum Ruhestand der Staatsbediensteten in SNCF (Eisenbahn), RATP (Nahverkehr in Paris) sowie an der Oper und einigen weiteren Kultureinrichtungen an die veränderten Bedingungen (demografische Entwicklung, Globalisierung, etc.) anpassen will. Momentan kann ein Métrofahrer mit 50 Jahren in Rente gehen… Die Beitragsdauer soll von 37,5 auf 40 Jahre erhöht werden. Wer da Solidarität anmahnt (so wie es einige Plakate in der Uni tun), hat eine Zeitreise in die 70er Jahre gebucht und ist für die Zukunft ungefähr so gut vorbereitet wie jemand, der sich gerade einen Schwarzweißfernseher gekauft hat.

Nächster Punkt, diesmal Uni-intern, aber nicht weniger bekloppt. Es wird geplant, die Uni zu blockieren, um gegen das Loi Pécresse (mehr Autonomie für die Hochschulen, mehr Entscheidungsbefugnis für den Rektor, evtl. höhere Gebühren) zu demonstrieren. Dann würden keine Kurse mehr stattfinden und jeder, der in die Uni wollte, würde daran gehindert (bescheuerter geht´s kaum noch). In der Vollversammlung heute nachmittag ging es deshalb auch hoch her. Das macht denen hier wohl wirklich Spaß. Die Feindbilder sind hier noch klarer. Wobei: Es war eine allgemeine Reserviertheit gegenüber der Blockade-Idee zu spüren, hoffe ich zumindest. Die Abstimmung habe ich nicht mehr mitbekommen, musste zurück, meine Vermieterin kam wegen des Kühlschranks. Der geht nun wieder, morgen kommt der Elektriker wegen des Herdes. Und so schließt sich der Kreis. Ist doch wieder mehr geworden. Und ich könnte auch noch was über den mangelnden Mut der SPD schreiben und darüber, dass es ziemlich doof ist, gerade dann, wenn Reformen beginnen zu wirken, diese wieder zurückzunehmen, nur um populistisch zu punkten beim Wähler, aber das vertage ich auf ein anderes Mal. Morgen kommen meine Eltern. Jetzt müssen nur noch die Métros ab Donnerstag wieder fahren, sonst wird aus der Ankündigung meines Vaters, immer „schön essen gehen“ zu wollen, womöglich nicht der Besuch von richtigen französischen Restaurants. Dabei freue ich mich gerade darauf im Moment!

Veröffentlicht in Pariser Notizen | 3 Kommentare »

Sejour à Poitiers – Part II

Verfasst von danielsprenger am Samstag, 10 November 2007

Hier nun die Fortsetzung meines Berichts aus der Provinz, die vollkommen zu Unrecht von den leicht versnobten Parisern nur verächtlich so genannt wird. Sie hat es nicht verdient, so eingestuft zu werden. Vielmehr hat sie in mir einen neuen Fan gefunden. Und immerhin ist die Fassade von Notre-Dame-la-Grande weltweit wegen ihrer romanischen Verzierungen bekannt. Also bitte.

Heute waren wir im „Futuroscope“, einem Freizeitpark vor den Türen Poitiers. In architektonisch eher an die Expo in Hannover denn an die ansonsten leere Landschaft Poitou-Charentes´ gemahnenden Gebäuden waren beeindruckende Filme in 3D (über Wale, Pelikane und Gänse sowie über die unwahrscheinliche Rettung eines in den Kordilleren abgestürzten Postfliegers) zu sehen. Mittels Brillen mit optisch so eingerichteter Funktion war es uns möglich, die Protagonisten wirklich als zum Greifen nah zu empfinden. Zur Abwechslung sind wir dann immer mal mit „shaking“ Simulatoren unterwegs durchs All, Fantasiewelten oder die hiesige Region gewesen, das war wirklich richtig gut. Wir, das waren in diesem Falle drei Slowakinnen, von denen zwei hier mit Anja zusammen wohnen, eine Weißrussin, zwei Litauerinnen sowie Anja und ich. Dass ich der einzige männliche Begleiter war, störte mich da nicht weiter. Diese Ehre wird mir hier in Frankreich ja sowieso öfter zuteil… Hier wurde die Kommunikation nochmal dadurch erleichtert, dass wir Englisch gesprochen haben (weil nicht alle Französisch gelernt haben und hier an der privaten ESCEM die Kurse auch auf Englisch sind). Endlich habe ich mal alles verstanden und konnte vor allem auch alles sagen, was ich wollte.

poitiers-futuroscope.jpgpoitiers-futuroscope-2.jpgpoitiers-im-pub.jpg

Dieser Abend wird dafür ruhiger werden, ich werde mich gleich tatsächlich mal bei Facebook anmelden, sowas hat man ja heute einfach; gestern war bereits große Party in einer WG, die über ein komplettes Haus (!) hier verfügt und dafür pro Person weitaus weniger als ich in Paris bezahlt. Poitiers, die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten (jedenfalls bis zur nahen Stadtgrenze…). Das war lustig, den vielen Latinos bei der Musikwahl und beim Tanzen zuzusehen. Nur im Pub, wo wir eine ganze Stange mit 10 Bier für sagenhafte 22 Euro bestellten, wurden wir dann aufgefordert, doch bitte nun zu gehen, sie wollten schließen. Unglaublich, um zwei Uhr machen die hier zu. Endlich mal wieder ein Punkt für Paris! Das ja auch sonst viel zu bieten hat. Nur vielleicht eines nicht: Beschaulichkeit. Herbstlaub, das in den kleinen Fluss fällt, enge von mittelalterlichen Häusern gesäumte Gassen oder das Aquädukt von Fleury. Schön ist es hier. Vor der antiken Wasserleitung lag ich im wilden Gras und sah: Niemanden, nur die Natur und ich. Das war mal zur Abwechslung und zur Erinnerung daran, dass es auch noch was anderes gibt als Autos, Verrückte, Touristen und teure Preise, wirklich nötig. Morgen geht es dann nochmal ein bisschen spazieren, hoffentlich spielt das Wetter weiterhin mit, und dann abends bereits zurück. Und auch darauf freue ich mich nun wieder, das soll nicht verschwiegen werden!

poitiers-aquadukt.jpg

Veröffentlicht in Pariser Notizen | 1 Kommentar »

Ausflug nach Poitiers – Teil I

Verfasst von danielsprenger am Donnerstag, 8 November 2007

Heute ist Tag zwei meines Kurztrips nach Poitiers, in die Hauptstadt des Départments Poitou-Charentes (aus dem Ségolène Royal kommt, aber früher auch die Ducs d´Aquitaine stammten, welche ihre Herrschaft durch geschickte Heiratspolitik bis nach England ausdehnten; Richard Löwenherz war mütterlicherseits somit Franzose! Interessant, oder?!). Die Stadt schmiegt sich mit ihren engen Gassen und den sandsteinfarbenen Häusern samt südländisch anmutenden Fensterläden behutsam an die hügeligen Ufer des „Le Clain“. Beim Promenieren ist mir immer wieder aufgefallen, wie ausgesprochen hübsch, rustikal und einfach nur pittoresk Frankreich auch sein kann. Es ist für mich hier eine willkommene Abwechslung zu Paris. Auf meinem Rundgang heute morgen habe ich romanische Kirchen (Notre-Dame-la-Grande) bewundert und alte Viertel wie Montierneuf erkundet. Am kleinen Fluss steht dort eine alte Wassermühle, herbstlich gekleidete Bäume, die ihr rot und gelb leuchtendes Laub loswerden wollen, säumen die Szenerie, durch die keine tolpatschigen Touristen in Pariser Massen stolpern.

poitiers-notre-dame.jpgpoitiers-statue.jpgpoitiers-strase.jpg

Nach dem Mittagessen in Anjas Mensa, das Menu ebenfalls zu 2,80 Euro, ging ich dann zum Park Blossac, in dem ich einen Storch beobachtete, während ich zweimal mit der Heimat telefonierte. Auch waren dort Papageien, Fische sowie sehr interessant aussehende Ameisenbär-ähnliche Tiere zu sehen, die ständig im Kreis liefen und augenscheinlich nichts Besseres zu tun hatten. Gleich geht es zu einer Party in der Uni (die eigentlich eine private Wirtschaftsschule ist, darauf legt Anja Wert), vorher holen wir uns noch schnell eine Pizza in der Mensa, die hier auch abends auf hat.

poitiers-wassermuhle.jpg

Veröffentlicht in Pariser Notizen | Kommentar schreiben »

Soirée des Crèpes chez moi!

Verfasst von danielsprenger am Dienstag, 6 November 2007

Mir ist aufgefallen, dass die letzten Artikel alle mit kulturellen Tätigkeiten meinerseits (nicht zuletzt auch dank der Unterstützung durch die Herren Meese und Grass) zu tun hatten. Deshalb nun mal etwas Profanes, etwas, das jeder gerne macht und das vielen Leuten auch gut steht, einigen aber auch nicht, das generell zu den grundlegendsten menschlichen Bedürfnissen gehört: Das Essen. Heute abend findet hier ein Soirée des Crèpes statt. Der hat seine Inspiration bei Tytti vor zwei Wochen bekommen, nur dass bei der sympathischen Finnin weitaus mehr Platz als hier in meinem schnuckligen Studentenzimmer zu finden war. Um die 12 Leute auf 11 Quadratmetern, das könnte gemütlich werden… Aber wenn man nun Friedas Zimmer mit einrechnet, verfügen wir hier über fast 30 Quadratmeter, da geht das dann schon ganz gut. Alles ist relativ. Gerade hier. Im Radio läuft gerade relativ gute Musik. Ich höre immer „Europe 2: Que de la Rock, que de la Pop“, das sagen sie relativ häufig. Das nervt meistens. Ist aber auch witzig. Denn die Franzosen sprechen relativ schlecht englisch und tun es trotzdem ständig. Das ist für mich relativ schwierig zu verstehen, wenn sie doch so eine schöne Sprache haben. In knapp einer Stunde werde ich also in der Küche stehen und die Crèpes braten, was ich eben schon mal zum Selbstverzehr ausprobiert habe und was sehr gut funktioniert. Liebe Berliner Freunde, ihr müsst euch mich genau so vorstellen wie in Berlin beim Crèpemachen. Nur, zu Suses Freude verfüge ich hier nicht über eines dieser blauen Glattstreichdinger für den Teig in der Pfanne. Das Problem muss ich noch lösen, dann steht dem Erfolg des Abends nichts mehr im Wege. Außer vielleicht die Öffnungszeiten des Spätis, der hier immer zumacht, wenn normale Spätis ihren Umsatz machen. Die antiproportionale Öffnungspolitik gegenüber den großen Supermärkten hat der Besitzer noch nicht so ganz kapiert. Deshalb ist unser Weinnachschub noch nicht gänzlich gesichert. Auch darum werde ich mich noch kümmern müssen.

Und morgen geht es dann los nach Poitiers, das erste Mal seit genau zwei Monaten, dass ich die Stadt verlassen werde. Meine idealisierte Vorstellung besteht darin, dass ich mich durch eine weite hügelige Landschaft gehen sehe, dabei ein Baguette unterm Arm für ein mittägliches Picknick in der Herbstsonne, ehe ich durch enge Gassen mit Häusern aus Granit schlendernd zurück zu Anjas Wohnung gelange. Ich bin mal gespannt, wie das là-bas so ist.

Veröffentlicht in Pariser Notizen | 1 Kommentar »

Mein lieber Günter Grass!

Verfasst von danielsprenger am Donnerstag, 1 November 2007

„Beim Schreiben merkte ich, dass ich zum Instrument wurde“! Das sagte Günter Grass in Bezug auf die ungeheure Stoffmenge, die er seit dem Ende des zweiten Weltkriegs mit sich herumgeschleppt hatte und die nach der großen Form, also nach einem Roman, verlangte. „Bislang hatte ich nur Gedichte geschrieben, doch ich merkte, da drängte etwas, da wollte etwas heraus. Und so schrieb ich meinen ersten Roman, die Blechtrommel.“ Der Kenner weiß natürlich, dass das nirgendwo anders als in Paris vollzogen wurde, wo Grass mit seiner ersten Frau Anna ab 1956 für drei Jahre lebte. Und so waren seine Auftritte am Dienstag im Heinrich-Heine-Haus und am Mittwoch im Centre Pompidou für ihn sicher auch Gelegenheit, die Stadt, deren kreative Atmosphäre ihn zu seinem größten Erfolg führte, neu zu erleben. Allerdings scheint er im Laufe der Jahre seine Französischkenntnisse irgendwo verlegt zu haben. Eine Übersetzerin war bei beiden Auftritten dabei. Sie übersetzte für ihn die Fragen der französischen Podiumsteilnehmer auf deutsch und seine Antworten für sie und die Ehrengäste auf französisch (eine von mir durchgeführte qualitative Publikumsanalyse ergab, dass sich sonst keine ausschließlichen Französisch-Sprachler im Saal befanden). Wie sie es tat, beeindruckte mich sehr. Wörtlich, inklusive aller Füllwörter und Nebensätze, rezitierte sie das soeben Gehörte, ohne oft in ihre Notizen zu schauen. Die Frau muss ein geniales Kurzzeitgedächtnis haben.

Gestern Abend im Centre Pompidou sollte Grass seine Erinnerungen und Einschätzungen zum Mauerfall („La chute du mur“) ausbreiten, dazu las er eine Passage aus „Ein weites Feld“, jenem Buch, das Reich-Ranicki wegen angeblich mangelnder Qualität zerrissen hat. Mein lieber Günter Grass, auch ich stimme nicht mit Ihnen überein, wenn Sie sagen, der DDR sei ohne Respekt vor der Lebensleistung der dort wohnenden Menschen einfach das westliche System zu schnell übergestülpt worden (wie sonst hätte man das machen sollen, die Idee einer Konföderation erscheint mir als wenig hilfreich und letztlich ist die deutsche Einigung doch trotz aller Probleme ein wahrer Glücksfall), aber wie Sie die Arbeit der Mauerspechte und die Gedanken eines Westlers und eines Ostlers dazu in der vorgetragenen Passage beschreiben, ist einfach meisterhaft.

grass-auf-dem-podium-hhh.jpg

Der Abend im Heinrich-Heine-Haus hat mir trotzdem noch besser gefallen, die Atmosphäre war charmant unorganisiert (also typisch französisch), einige brachten sich Stühle aus anderen Räumen mit, andere Plätze wurden von der Organisatorin im Auktionsstil versteigert („Dort, in Reihe vier, dort sind noch zwei Plätze!“), schließlich fügte man noch zwei Stuhlreihen hinter dem Podium an. Grass kam dann durch den Notausgang über die Bühne nach vorne, verbeugte sich kurz. Nach den diversen Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag wirkte er keineswegs müde, sondern las mit hellwacher und wunderbarer Stimme aus seiner Autobiographie „Beim Häuten der Zwiebel“ (und zwar die Stelle über den Waffendienst-Verweigerer im Arbeitsdienstlager, der stets als Begründung „Wir tun sowas nicht“ anführte). Das Buch ist nun auch ins Französische übersetzt worden, weshalb es sich der Übersetzer nicht nehmen ließ, seinerseits die gleiche Stelle vorzutragen. Grass labte sich derweil am ausschließlich ihm hingestellten Rotwein und beantwortete ausführlich die ihm gestellten Fragen zu seiner Geschichte im Krieg, dem Neubeginn als Künstler danach, dem deutsch-polnischen Verhältnis und zur deutschen Wiedervereinigung. Danach durften Kulturveranstaltungsbesucher typische Kulturveranstaltungsfragen stellen, von deren Erwähnung ich hier besser absehe. Ich holte mir kein Autogramm, weil ich ihn nicht wie diverse Andere belagern wollte und zudem auch kein Buch dabei hatte. Als ich dann aufs Klo zu gehen gedachte, begegnete er mir direkt im Gang, sich eine Pfeife ansteckend; wir schauten uns an, ich sagte nichts, nickte nur dankend und nach höchstens zwei Sekunden waren wir aneinander vorbei gegangen. Allerdings war es auch sehr niedlich anzusehen, wie er dann im Auto saß, vorne, seine Frau dahinter, gefahren von einem ehemaligen Bundestagsabgeordneten aus Bonn. Der Nobelpreisträger auf dem Beifahrersitz eines VW Polo folgte mir unbedeutendem Studenten, als ich mit meinem Rad die gewundene Straße zum Ausgang der Cité Universitaire entlangfuhr.

grass-im-heinrich-heine-haus.jpg

Veröffentlicht in Pariser Notizen | 3 Kommentare »