Reise-Blog

Beobachtungen und Anmerkungen von unterwegs

Archiv für Januar 2008

Zu Tisch mit dem Zentralbankchef

Verfasst von danielsprenger am Donnerstag, 24 Januar 2008

Absturz der Börsen in aller Welt, eingetrübte Konjunkturaussichten, droht gar eine Rezession, erst in den USA, dann weltweit? Das waren die Meldungen und bangen Fragen der vergangenen Tage, sie bestimmten die Nachrichten. Und heute dann das: Ein kleiner Angestellter der Société Générale, der zweitgrößten französischen Bank, hat es geschafft, mit hoch riskanten Aktienoptionsgeschäften und dem massiven Ankauf von „plain vanilla options“ einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro anzurichten. Ganz alleine. So sagt es die Bank, deren Kontrollmechanismen das nicht bemerkt haben. So wurde es heute auch berichtet, den ganzen Tag: Der größte Bankbetrug aller Zeiten!

ard-schild.jpg

Im ARD-Studio Paris war heute deshalb Großkampftag – Schalten für die Deutsche Welle (siehe Foto, auf dem Michael Strempel im kleinen Bildschirm gerade verkabelt wird) wurden unterbrochen von der Anfertigung diverser Tagesschau-Berichte, um 16, 17 und natürlich um 20 Uhr war der Skandal aus Frankreich dort Top-Meldung. Das Team arbeitete auf Hochtouren. Ich durfte es insofern unterstützen, als dass ich alleine zur Pressekonferenz des Gouverneurs der Banque de France, der französischen Zentralbank, geschickt wurde. Ich dachte vorher an einen großen Saal und Hunderte Journalisten, wir wurden jedoch in ein recht kleines Zimmer mit rundem Tisch und daran vielleicht 20 Plätzen geführt. Und dann setzte sich Christian Noyer (früher auch mal Vize der EZB) mit an den Tisch und erzählte seine Sicht der Dinge. Unglaublich interessant, am Ablauf eines solchen historischen Tages ganz praktisch beteiligt zu sein. Ich stellte zwar keine Frage, dafür war die Materie mir doch etwas zu unbekannt, aber notierte fleißig die Antworten auf die Fragen von anderen Journalisten. Tenor: Man hatte vorher nichts kommen sehen und muss nun trotzdem an verschärfte Kontrollmechanismen denken. O-Ton Noyer: „Wir haben gedacht, so etwas sei nicht möglich. Dann ist es passiert. Wir müssen nun dafür sorgen, dass sich derlei nicht wiederholt.“

ard-studio.jpgard-studio2.jpg

Mal sehen, wie sich das weiterentwickelt. Aktiv werde ich allerdings nicht mehr lange an der Recherche beteiligt sein: Morgen endet mein Praktikum bereits. Drei Wochen wie nichts vorbeigezogen. Es war eine großartige Zeit bei den netten Menschen vom WDR. In der nächsten Woche stehen dann gleich fünf Klausuren an, und nebenbei bewerbe ich mich noch für den Master Internationale Beziehungen. Langsam sind zwar alle nötigen Dokumente zusammen, aber Stress und Aufwand ist es trotzdem. Mit ungewissem Ausgang. Ob ich die erforderliche Punktzahl im TOEFL-Test (ein Zulassungskriterium waren 100 Punkte dort) erreicht habe, stellt sich erst nächsten Freitag raus. Bis dahin bleibe ich gespannt und lehne mich entspannt zurück und freue mich, dass ich kein Konto bei einer französischen Bank eröffnet habe.

Veröffentlicht in Pariser Notizen | Kommentar schreiben »

Von Faubourg zu Faubourg

Verfasst von danielsprenger am Sonntag, 13 Januar 2008

Single in Paris. Suse zu Besuch bei mir! Wir hören Rainald Grebe in meinem großartigen Multimediaabspielgerät.

Wir sind unterwegs gewesen zu den tollsten Kneipen wie dem La Chope, wo es freitags und samstags immer umsonst eine reelle Portion Couscous zum großen Bier dazu gibt. Das Ganze bei netter Musik. Nur Suse musste zum Rauchen rausgehen, seit dem 1. Januar herrscht auch in Frankreich ein Rauchverbot, der Fortschritt bahnt sich also auch im ansonsten so reformresistenten Land Sarkozys immer mehr Bahn. Nur dann kommt ein eingebildeter Franzose mit dem Namen Benoit auf die Idee, draußen mit Suse rauchend auf meine Weigerung, sie dazu zu begleiten, einzugehen und dieses zu kritisieren. Was denkt der sich dabei. Suse fand das gar nicht so schlimm.

Paris, Paris, das ist doch keine Stadt, das ist doch DEKO!

Aber die ist professionell gemacht, die Wände des Louvre sind schon hübsch dekoriert. Davon hat Madame dann auch einige Fotos gemacht. Ebenfalls sehr professionell. Dann sind uns immer viele Pärchen aufgefallen. „Single in Berlin ist dann doch noch besser als Single in Paris“, war der Schluss, den Suse eben gezogen hat. Hier bekommt man die amouröse Aktivität auf nahezu jeder Parkbank vorgeführt.

Und im Chartier sind wir von einem alkoholisierten Kellner schlecht bedient, aber sehr gut unterhalten worden! Nicht nur, dass er die Speisekarten mit den Tischdecken von der Ablage runtergefegt hat oder jedem Gast mehrmals auf die Schulter gefasst hat, nein, mindestens fünf Mal hat er auf unserem Tische nachgeschaut, was wir eigentlich bestellt haben, um die Pilze dann doch zu vergessen. Dafür hat er aber dann wieder vier Mal nachgefragt, ob wir schon bezahlt haben. Das hatten wir, und zwar einen Betrag, den er nach einer eigenen Rechenmethode ermittelt hatte. Viele würden hier ja sicher die Addition vorziehen, er nicht, er bevorzugte die falsche Auflistung teilweise imaginärer, nicht bestellter Speisen. Der Betrag war dann aber ungefähr passend, wir waren zufrieden und gaben 80 Cent Trinkgeld. Da kann man sicher einen Schnaps von kaufen.

Achja, und dann waren wir noch aus Pflichtgefühl beim Arc de Triomphe und beim blinkenden Eiffelturm. „Kitschig!“ Aber das Foto ist gut!

suse-zu-besuch.jpg

Veröffentlicht in Pariser Notizen | Kommentar schreiben »

Den ganzen Tag nur Fernsehen!

Verfasst von danielsprenger am Donnerstag, 10 Januar 2008

Nun bin ich bereits vier Tage lang Praktikant im ARD-Studio in Paris und restlos begeistert: Wenn der RBB mich schon in die Richtung getrieben hat, so verstärkt der Aufenthalt bei den Korrespondenten meinen Wunsch, später (oder lieber früher!) selbst in diesem Bereich zu arbeiten. Wenn es irgend möglich ist, werde ich versuchen, diesen harten steinigen Weg hin zum Redakteur beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu gehen. Der Aufenthalt in den geheiligten Hallen, in denen schon Ulrich Wickert Kaffee kochte, beflügelt mich dabei. Einfach genial dort, sowohl was die Aufgaben, aber auch die Atmosphäre im Studio betrifft. Sehr kollegial und witzig, menschlich und motivierend sind alle Mitarbeiter dort. Insgesamt sind um die 15 Leute dort beschäftigt, ich habe täglich hauptsächlich mit den Kameramännern und den Ton-Technikern sowie mit den Korrespondenten selbst zu tun. Letztere weisen mir Aufgaben zu, darunter klassische Praktikantentätigkeiten wie die sehr interessante Recherche, die mich heute in die Innenwelt der sozialistischen Partei Frankreichs und ihre Haltung gegenüber dem Lissaboner Vertrag zur EU-Reform führte. Daraus könnte in der nächsten Woche ein Thema werden, das von der Aktualität (also der Tagesschau-Redaktion) angefragt wird. Dann würde das produziert.

So wie am Dienstag, als Sarkozy seine Neujahrsrede hielt und ich diese im Studio live verfolgte, um die wichtigen Stellen rauszuschreiben, damit man nachher wusste, wo was angesprochen wurde. Die Korrespondenten Ellen Ehni und Michael Strempel (Studioleiter) waren persönlich im Elysée-Palast und kamen gerade rechtzeitig wieder, so dass eine Schalte für die Tagesschau um 12 möglich war und für die Deutsche Welle um halb zwei. Dann wurden die Bilder des Tages zusammengeschnitten und mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung in der Tagesschau um fünf und in den Hauptnachrichten um 20 Uhr ausgestrahlt. Für letztere wurde noch rasch ein Aufsager von Herrn Strempel gedreht, vorm Elysée-Palast (nicht einfach möglich, Stative sind dort zum Beispiel verboten, man könnte ja ein Gewehr drauftun). Und zwar um halb acht, um kurz nach acht lief schon der Bericht. Die Vorläufe sind also extrem kurz, das Arbeiten dann ein sehr konzentriertes, aber nicht nervöses. Just-in-time-Lieferung für Millionen Zuschauer, die davon natürlich nichts ahnen. Nur der boulevardeskere Bericht für die Tagesthemen, der Sarkozys Beziehung zur Carla Bruni behandelte, war über zwei Stunden vorher fertig.

Apropos Sarkozy-Bruni: Dazu habe ich gleich an meinem ersten Tag ein Vox-pop gemacht, eine Umfrage unter Passanten, die über die Champs-Elysées hetzten. Nur einmal habe ich einen Nicht-Franzosen angesprochen, sonst lag ich immer richtig in der Nationalitätseinschätzung. Einige schöne Aussagen („Das ist mir scheißegal“, „Ich habe noch keine Einladung erhalten!“ oder „Der soll doch flachlegen, wen er will!“) wurden dann in Brisant gesendet, natürlich auch bereits drei Stunden später. Ein toller Einstieg, einfach mal so ins kalte Wasser geworfen. Und es ist gut geworden. Dass ich sowas würde machen dürfen, hätte ich nicht gedacht. Auch nicht, dass ich so herzlich und selbstverständlich aufgenommen werde. Gestern, als es nach dem Hochleistungsdienstag ziemlich wenig zu tun gab, habe ich mich viel mit den Anderen unterhalten und ausgetauscht. Einfach wunderbar. Heute ging es dann neben der Recherche noch zum Dreh mit: Ins Wohnungsbauministerium und zu einer Demo der unter Wohnungsnot Leidenden. Interessant, wenn auch nicht völlig neu für mich. Wer mehr über das Thema und das Wohnungsproblem in Paris wissen möchte, kann am Samstag um 16:15 Uhr das Europa-Magazin in der ARD ansehen, da läuft der Beitrag über die Schwierigkeit, in Paris eine Sozialwohnung zu finden. Und noch ein Fernsehtipp: Am 02. Februar läuft um 13:45 Uhr der Paris-Film von Michael Strempel, der momentan noch geschnitten wird. Lohnt sich sehr. Schöne Bilder, interessante Geschichten. Qualitätsfernsehen eben!

Veröffentlicht in Pariser Notizen | Kommentar schreiben »

Aux Champs-Elysées…

Verfasst von danielsprenger am Freitag, 4 Januar 2008

…ist zu Silvester mal gar nichts los! Gut, es gehen, strömen, baladieren, schlendern, schlürfen und flanieren Hunderttausende Menschen (in einer interessanten Zusammensetzung aus Touristen und Banlieue-Jungs) über die für den Verkehr gesperrte Straße der himmlischen Gefilde, doch: Es gibt kein Feuerwerk. Dieses Jahr hat die Stadt Paris private Knallerei aufgrund zu hoher Gefährdungstendenzen für die automobile Straßenranddekoration komplett untersagt und obendrein auch die ansonsten den Arc de Triomphe in Neujahrslicht tauchende pyrotechnische Kunst schlichtweg gestrichen. Tolle Wurst. Wir (mein Langzeit-Besuch Gerold und Ban-Sok und ich) stehen also auf der Straße, auf der Höhe der bekannten Brasserie Fouquet´s und schauen verwundert auf die Uhr. Es ist eigentlich schon nach Mitternacht, doch keiner weiß das so genau, da es weder Countdown noch anderweitige Belustigung gibt. Die Blicke richten sich erwartungsvoll gen Triumphbogen, doch es passiert einfach NICHTS. C´est nul. Unglaublich: In der Weltmetropole Paris gibt es kein Silvesterfeuerwerk, keine Party und somit auch kaum Spaß. Wir machen das Beste daraus und recht Gutes auf: Zumindest die erste Flasche Sekt schmeckt gut, die zweite ist mit Muskat versehen und wird von uns, nicht mal halb geleert, lieblos auf dem Boden entsorgt. Ab und an wünscht man Vorbeiziehenden ein „Bonne année“. Weiter gibt es nichts Bemerkenswertes. Es sind wie gesagt einfach nur bummelnde Menschen zu sehen. Und Hundertschaften an Polizisten. Die sich später, als wir weiter zum Etoile hochgegangen waren, mittels ihrer Schilde gegen auf sie geworfene Flaschen wehren müssen. Zeit für uns, wieder nach unten zu schlendern. Dort sitzen wir, mittlerweile schon in der zweiten Stunde des neuen Jahres, länger auf einer Bank und diskutieren über die enttäuschende Silvesterveranstaltung, die eigentlich nicht mal eine war. Dennoch ist es interessant gewesen, das mal zu erleben, so weiß man, was man an der Berliner Silvesternacht hat.

Allen Lesern wünsche ich ein großartiges, gutes, gesundes und erfolgreiches Jahr 2008!!!

Veröffentlicht in Pariser Notizen | 3 Kommentare »