Vorhang auf und Bühne frei, Zauberspiel und Gaukelei! (Die Höhner)
Da bin ich wieder. Aus Köln melde ich mich nach über einem Jahr Funkstille online zurück. Anlässlich eines vierwöchigen Praktikums bei i&u TV hat es mich in die schöne Stadt am Rhein verschlagen.
Vorhang auf und Bühne frei!
Ein gnadenlos genialer Zufall, dass der Praktikumsbeginn mit der Karnevalswoche zusammen fiel. Welch Koinzidenz. Immer schon wollte ich zur Karneval mal in Köln sein. Und, was soll ich sagen?
Jetzt geht´s los, wir sind nicht mehr aufzuhalten!
Einfach unglaublich, wie sich die Menschen im Engelbät, einer Kneipe nahe der Zülpicher Straße stundenlang in den Armen liegen, schunkeln, singen und klatschen, tanzen, trinken und springen. Und das von Donnerstag bis Dienstag. Doch der Reihe nach… es folgt eine Erzählung der letzten zwei Wochen, in denen der Karneval dominierte und die deshalb nicht umhin kann, dort den folgenden Text gliedernde Anklänge zu nehmen!
Su simmer all he hinjekumme (Bläck Fööss)
Am Samstag, den 14. Februar, machte ich mich von Berlin aus auf nach Köln! Ich erreichte die Wohnung von Ulrike, meiner großartigen Vermieterin und fühlte mich sofort wohl bei ihr und Christina, ihrer Tochter. Vielen Dank an Lea für die Vermittlung. Mittlerweile ist die kleine, derzeit durch kollektives Husten und Halskratzen zu erkennende WG angewachsen: Seit Mittwoch wohnt auch Woody, ein stark behaarter und recht zutraulicher Kater, hier.
Mir sprechen hück all dieselve Sprooch
Naja, fast zumindest… Denn am ersten Abend, nachdem ich den Auftritt von Paulsrekorder im Vorprogramm von Mia im Palladium sehen durfte und dabei von beiden Gruppen ziemlich begeistert war, ging ich aufgrund akuten Hungergefühls in der Keupstraße auf und ab, auf der Suche nach einem Döner-Laden, in dem nicht eine absurd lange Schlange stand bzw. nicht vorbestellte Döner im Dutzend gemacht wurden. Schließlich wurde ich fündig und stellte fest, dass die türkische Gemeinde hier in Köln doch anders drauf ist als in Berlin: Die Döner-Männer sind nicht einfach nur kleine Imbissbuden, sondern regelrechte Restaurants, die auch nachts um ein Uhr noch voll sitzen. Es gibt nicht die geschmackliche Soßen-Dreifaltigkeit „KräuterKnoblauchScharf“ wie in Berlin, sondern die Wahl zwischen Tzatziki und Chili. Ungewohnt, aber nicht schlecht, der Döner mit Echtfleisch, zur Wahl stehen Lamm oder Rind, ist größer und insgesamt auch lecker! Mülheim ist ähnlich wie Neukölln von der Bevölkerungsstruktur, wobei ich sagen würde, dass die türkische Gemeinde hier nicht so stark wie in Berlin von Studenten oder anderen Einheimischen ergänzt wird. Genauere soziologische Studien diesbezüglich werde ich in den nächsten Wochen noch anfertigen.
Nä, wat wor dat dann fröher en superjeile Zick (Brings)
Langsam, aber sicher ging es nach dem Praktikumsbeginn am 16. Februar und einer interessanten und von den beruflichen Kontakten her sehr ansprechenden After-Show-Party von sternTV am Mittwoch auf die tollen Tage zu. An Weiberfastnacht waren die Kollegen ab mittags zumeist nicht mehr auf der Arbeit, es herrschte Stille auf den Bürofluren am Hohenzollernring, dafür laute Feierstimmung in der Innenstadt. Auch ich ging etwas eher, auf dem Neumarkt war eine Bühne aufgebaut, einige Karnevalsgruppen traten auf, die Menschen tanzten im leichten Schneefall. Sowas gibt es in Berlin auf Straßenfesten auch (gut, dann eher ohne Karnevalslieder vom Schlage: „Über Köln da lacht die So-hon-ne, über Düsseldorf die Welt“). Doch was danach kommen sollte, war einzigartig. Sowas habe ich nie zuvor erlebt.
Et Schönste, wat m’r han, schon all die lange Johr, es unser Veedel
Entweder man mag Karneval oder man hasst es. Vom ersten Moment an wird man sich für eine Seite entscheiden. Es gibt nichts dazischen. Grautöne sind unzulässig!

Am Donnerstag bin ich zunächst mit Jan, dem Freund von Ulrike, der jedes Jahr zum Karneval aus Amsterdam kommt, in den Rather Hof gegangen, eine kleine Kneipe hier im Ort. Dort war es um 22 Uhr (nach ca. 12 Stunden Feierei) noch gut gefüllt, es lief neben Karnevals- auch normale Partymusik. Für einen ersten Einblick nicht schlecht. Man tanzt und trinkt ein Kölsch (hier tatsächlich nur 0,2l fassend) nach dem anderen und merkt kaum etwas davon. Ich war übrigens als Kultur-Attaché verkleidet. Als solcher, der mit der Kulturtasche auf dem Kopf einen perfekten, aber auch schweißtreibenden Kontrast zur blauen Uniform mit roter Schärpe schafft, ging ich auch am Freitag ins Engelbät.

Drink doch eine met, stell dich nit esu ahn! (Bläck Föös)
Hier merkte ich dann sofort, dass das ein wahnsinnig lustiger Abend werden würde. Vor der Tür mussten wir etwas warten, erst wenn Leute die kleine Kneipe verließen, wurden wieder neue hineingelassen. Bons für Kölsch (sogenannte Biermarken) konnten schon draußen gekauft werden, immer nur im 10er-Pack. Sie konnten dann, immerhin für 0,3l-Gläser, abgegeben werden. Beim Kellner, der sich mit dem mit ausgestreckten Arm getragenen Kranz einen Weg durch die dicht an dicht stehenden Jecken bahnen musste. Und es wurde ununterbrochen getanzt und mitgesungen, auch von mir. Auch wenn ich die Texte der ultimativen Bands Höhner, Bläck Fööss oder Brings zumeist nicht kannte, bei den Refrains war ich schnell textsicher. Außerdem bekommt man, sofern man bereit ist, sich darauf einzulassen, schnell das Gefühl, für das die Höhner Köln so loben:
Da simmer dabei, dat is prima! Viva Colonia!
Wir waren lange dabei, bis um fünf. Am nächsten Morgen ging ich mit Jan in die Sauna, was ich eine Stunde vor der Abfahrt und ziemlich durcheinander vom Abend vorher kaum gedacht hätte. Aber eine kleine Kopfschmerztablette zum Frühstück wirkt wahre Wunder. Durchs Schwitzen in der sehr schön gestalteten Saunalandschaft in Bergisch-Gladbach wurden dem Körper auch viele der zuvor aufgenommenen Giftstoffe wieder entzogen. Abends waren wir dann wieder fit, es ging erneut ins Engelbät. Diesmal war es dort noch schöner.
Du bes Kölle, ob de wills oder och nit (Tommy Engel)
Auch als Neuling wird man herzlich aufgenommen an Fastelovend, kurze Gespräche mit anderen zeigten mir, dass ich nicht der einzige Auswärtige war. Und wer das einmal mitgemacht hat und wem das dann gut gefallen hat, der kommt wieder. Ich auch. Am Samstag ging ich übrigens als Clown und nach genau elf Stunden Aufenthalt in der Kneipe wieder nachhause, um vier Uhr. Bemerkenswert daran ist, dass die Kölner es tatsächlich schaffen, ca. sechs Stunden mit Liedern über ihre Stadt und deren markante Bauwerke zu füllen.
Mer losse d´r Dom in Kölle (Bläck Fööss)

Am Sonntag guckten wir uns den Zug in Brück an, einem kleinen Nachbarort. Im strömenden Regen gingen wir dorthin, praktisch, dass ich mich spontan als Angler mit wasserfester Jacke verkleidete. Kamelle und Strüssje wurden geworfen, in die Pfützen und in die Taschen. Das entspannte Tatortgucken am Abend war ein Ausgleich zu den Tagen davor. Am Montag ging es für mich dann zum letzten Mal ins Engelbät. Obwohl es sich alles zum dritten Mal wiederholte, war es kein bisschen langweilig, sondern wieder ein netter, lustiger Abend. Nur dass man die Leute jetzt schon wiedererkannte und sie einen auch. Ich wurde gefragt, wo ich denn meine Kulturtasche gelassen habe. Aus Geruchsgründen daheim, gab ich zurück. Für viel mehr Worte reichen die kurzen Pausen der Musik oder vorübergehende Auszeiten auf der Empore nicht. Das ist einerseits schade, mit manchen würde man sich gerne länger unterhalten, doch ist der Sinn des Ganzen ja nicht, Smalltalk zu führen, sondern Spaß zu haben. Und den hatte ich, und zwar so wie selten zuvor! Dass ich am Dienstag wegen des Volontariat-Auswahlverfahrens nicht mehr in Köln sein konnte, um der traditionellen Nubbel-Verbrennung vor der Kneipe beizuwohnen, war schade. Und so gilt wohl, was Brings zum über die schöne alte Zeit singen und was ich auf die nun gerade vergangene tolle Zeit übertragen möchte:
Mit Träne in d’r Auge loor ich manchmol zurück!