Reise-Blog

Beobachtungen und Anmerkungen von unterwegs

Archiv für Mai 2009

The Class of 2009 – Die HU in Washington

Geschrieben von danielsprenger - Sonntag, 17 Mai 2009

Erst am Sonntagabend komme ich dazu, einige Erlebnisse und Eindrücke der vergangenen Woche aufzuschreiben. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit hier viel zu schnell vorbeirast, es ist schon Mitte Mai durch, ich bin seit drei Wochen hier, und alles scheint sich immer mehr zu beschleunigen… Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass nahezu jeden Abend irgendeine Party oder ein Barbesuch anliegt. Los ging eine sehr vollgepackte, spannende Woche am Samstag, den 09. Mai, mit dem Besuch einer original amerikanischen Graduiertenfeier. Die fand an der HU statt, welche es auch hier gibt. HU steht in dem Fall aber für Howard University. Diese nahezu ausschließlich von Schwarzen besuchte Uni liegt direkt neben dem LeDroit Park, dem historischen Stadtviertel, das Ende des 19. Jahrhunderts entworfen und gebaut wurde und in dem sich auch Paulas Haus befindet. Am einmal jährlich stattfindenden Commencement Day erhalten die Studenten ihr Diplom. Ein Festakt, den es so an deutschen Unis nicht gibt: In prächtige Gewänder gehüllt und mit dem zum jeweiligen Fachbereich gehörenden Schal sowie dem bekannten Akademikerhut mit herunterhängendem Puschel ausgestattet, verfolgten die Graduierten in praller Sonne und zunehmender Hitze die Zeremonie. Das Drehbuch sah bereits zu Beginn  programmatische Musik vor: Der ca. einstündige Einmarsch der Fakultäten wurde begleitet von einer Endlosschleife des Last Night of the Proms-Klassikers “Land of Hope and Glory”. Passender hätte die akustische Untermalung nicht gewählt werden können:

Hoffnung ist angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, die auch die jungen Akademiker der Class of 2009 trifft und vielen eine ungewisse berufliche Zukunft bringt, eine nötige Gefühlsregung. Die für den heute.de-Artikel von Fanny Interviewten lieferten denn auch eine realistische Einschätzung ihrer Perspektiven, ohne dabei aber allzu pessimistisch zu sein. Näheres unter: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/8/0,3672,7587592,00.html

Land of Hope and Glory: Die Hoffnung richtet sich vornehmlich auf den ersten schwarzen Präsidenten, der entsprechend glorifiziert wurde. Jeder Redner hob hervor, dass die Studenten die ersten seien, die unter einer neuen Ägide graduierten, von der viele gedacht haben, dass sie niemals kommen würde. Nun ist sie da. Bewegende Momente, auch und gerade für einen der schätzungsweise 20 Weißen in der Menge, wenn darauf hingewiesen wurde, wie lang der Weg war, an dessen Ende im Weißen Haus vier schwarze Frauen leben können, die nicht für die Wäsche zuständig sind. Zu den Rednern gehörten die Moderatorin Gwen Ifill und der Schauspieler Lawrence Fishburn (aus Matrix bekannt, mir aber bis dato nicht geläufig), die auch einen Ehrendoktortitel erhielten. Anschließend wurde das förmliche Graduierungsverfahren begonnen: Der Dekan einer jeden Fakultät empfahl dem Uni-Präsidenten, seine Studenten mit dem entsprechenden offiziellen Titel auszustatten. Der machte das prompt und sagte sinngemäß jedes Mal, dass zur Graduierung der Schal umzulegen sei als Zeichen für die mit Abschluss einhergehenden Rechte und Pflichten der ehemaligen Studenten. Das Hütewerfen unterblieb dann allerdings, war verboten, vllt. wegen der Verletzungsgefahr? Doch auch ohne diesen hat toss war der Besuch an der Washingtoner HU überaus lohnend, weil ich so ein wirklich sehr amerikanisches Fest miterleben konnte.

Eine sehr amerikanische Begegnung folgte dann in der Nacht. Nach einer Party in Columbia Heights warteten fünf deutsche Praktikanten auf ein Taxi. Sie hatten eine Rotweinflasche dabei und versuchten zunächst, diese aufzubekommen. Das gelang mithilfe eines Zaunes und der bewährten Korken-Reindrück-Methode. Als dann jedoch die ersten Schlucke genossen wurden, sah ein vorbeifahrender Police Officer den hier verbotenen Alkoholkonsum auf öffentlichem Grund. Er hielt an, drehte um und fragte: “Hey, are you drinking alcohol?” Wir hatten die Flasche inzwischen verschwinden lassen, zunächst in einem Briefkasten, woraus es dann jedoch tropfte, was ziemlich verdächtig aussah, dann hinter einem Baum. Der Officer ließ trotz nun fehlenden Beweismittels nicht locker, auch die Verstellung, dass wir ihn sprachlich nicht verstünden, half nichts. Uns rettete ein Funkspruch, der ihn zu einem anderen, tendenziell wichtigeren Einsatz rief. Noch mal Glück gehabt. Und wieder was gelernt: Was solche Sachen angeht, ist man hier in der Tat bekloppt. Das sollte man respektieren, schließlich wäre als Strafe entweder einige Tage Gefängnis oder, eher wahrscheinlich, eine Geldbuße von bis zu 100 Dollar auf uns zugekommen. Ein teurer Wein wäre das gewesen… gänzlich ungerechtfertigt, wenn man das in Relation zum dürftigen Geschmack setzt.

Aus diesem Grund ist man also gut beraten, den Genuss von alkoholischen Getränken in Bars oder andere dafür vorgesehene Bereiche zu verlegen. So wie am Dienstag ins Reef in Adams Morgan, am Mittwoch ins Local 16 an der U Street, am Donnerstag ins Frontpage am Dupont Circle oder am gestrigen Samstag in den Biergarten, der anlässlich des asiatischen Kulturfestes auf der Pennsylvania Avenue errichtet wurde. Wenn man weiß, wo und wann Happy Hours sind, bekommt man ein Corona schon für 2 Dollar oder ein normales Bier für 3. Das ist nicht schlecht. Und überhaupt findet man in DC schnell Anschluss: Denn ich befinde mich hier auch in der Welthauptstadt der Praktikanten. Und des Smalltalks, der sich im Wesentlichen immer um eine Trias aus folgenden Fragen dreht: Wo kommst du her? Was machst du hier? Wo wohnst du? Das Tolle ist, wenn man dann ein paar Leute gefragt hat, kommt man so durcheinander, dass man gerne noch einmal dieselben Fragen stellt. So versiegt der Gesprächsfluss nicht so schnell…

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Von Unwettern und der Genügsamkeit

Geschrieben von danielsprenger - Sonntag, 10 Mai 2009

Seit Tagen hatte ich von vielen verschiedenen Leuten immer wieder diesen einen Satz gehört: “That´s very unusual” – sehr ungewöhnlich sei es, dass es im Mai derartig anhaltend schlechtes Wetter gibt. Interessant zu wissen, aber wenig hilfreich, wenn man einen schönen Spaziergang zum Jefferson Memorial plant und dann wieder mal nicht ohne Regenschirm auskommt. Zudem war es am letzten Samstag in der runden, an ein antikes Pantheon erinnernden, tatsächlich aber Jeffersons Anwesen Monticello nachbildenden Gedenkhalle recht zugig. Was den dritten US-Präsidenten, imposant in Bronze gegossen, jedoch überhaupt nicht anficht. Inmitten einiger seiner Kernaussagen zu Freiheit, Republik und Menschenrechten steht er fest auf seinem Sockel. Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung blickt über die Mall zum Weißen Haus, wo er als erster Präsident die Amtsgeschäfte führte.

Aber zurück zum Regen: Seit ich angekommen bin, hat es jeden Tag zumindest einmal geregnet. Der Höhepunkt war Mittwochnacht erreicht, als ich nach Besuch der 18th Street Lounge, einem Treffpunkt vieler Praktikanten und zumeist junger Business-Menschen, am Dupont Circle auf den Bus wartete und ein Unwetter sondergleichen einsetzte. Ich hatte in einem Wartehäuschen Unterschlupf gefunden und benutzte den Regenschirm als horizontal ausgerichtete Verteidigung gegen die einströmenden Wassermassen. Bürgersteig und Straße waren schnell von einer zentimeterdicken Wasserschicht bedeckt, für einige Minuten fuhren kaum noch Autos. Ein Passant setzte sich zu mir und meinte angesichts der Nässe um uns rum sehr trocken: “There ain´t no good in that, buddy”, was im afroamerikanischen Slang in etwa so viel heißt wie: Meine Güte, das ist jetzt ganz schön heftig. Nach zehn Minuten war alles vorbei, der Bus kam und brachte mich sicher nachhause.

Apropos Bus: Das ist eigentlich eine eigene Geschichte wert, deshalb hier nur soviel: Abends braucht der Bus längst nicht so lange wie während der Rush Hour, wo man für die Strecke von 20 Straßen schon mal 30 Minuten einplanen kann. An einigen Stellen wäre es besser zu laufen, vor allem am Dupont Circle. Der ist mit Ampeln geregelt und zu den Stoßzeiten immer so verstopft, dass es oft mehr als fünf Minuten dauert, um von einer Seite auf die andere zu kommen. Absurd. Wenn ich es vermeiden kann, werde ich also lieber zu Fuß gehen als auf den Bus zu warten. Zumal er auch höchst unregelmäßige Abfahrtszeiten hat: Gestern stand ich 50 Minuten in Georgetown, trotz Ankündigung, alle 30 Minuten fahre ein Bus zur Howard University. Da wurde ich etwas grummelig. Zu Fuß hätte ich es in der Zeit fast bis nachhause geschafft.

Zuvor war ich in der Deutschen Botschaft beim Tag der offenen Tür anlässlich des Europa-Tages. Und hier greife ich das durchgehende Wetter-Thema dieses Eintrags wieder auf: Nachdem es am Donnerstag extrem schwül war, was mir gar nicht gut bekommen ist, haben wir seit Freitag trockenes, angenehmes und gestern richtig warmes Wetter. Ich hatte aus meiner bisherigen Erfahrung nicht mit anhaltendem Sonnenschein gerechnet und mich deshalb vorsorglich nicht eingecremt, was mit einer roten Nase und einem reizenden Maurernacken belohnt wurde. However, an der Botschaft war es nett, die Residenz des Botschafters war zu besichtigen, davor gab es Dinge, die das amerikanische Klischee vom Deutschen bestätigen dürften: Bratwurst, Bier und Lederhosen, Alphornbläser, Akkordeonspieler und Trachtenkleider, aber auch neue deutsche Alltagsdinge wie Bionade, Döner und Playmobil. Bi-Emm-Dabbeljuhs als Dienstwagen, die manch einer als bequeme Rückenlehnen verwendete… Und Gerolsteiner Wasser – mit Kohlensäure! Ja, so sind wir Deutschen also. So stellt man sich uns hier wohl auch vor. Ich fürchte, dass darin durchaus eine Wahrheit liegen kann. Zumindest das Wasser war sehr nötig. Und die Bratwurst. Beim Kauf derselbigen konnte ich noch eine interessante Sozialstudie anstellen: Da ich wirklich Hunger hatte und nicht bereit war, mich mit der gekauften Essensmarke in die 100m lange Schlange zu stellen, ging ich an den meisten vorbei bis ganz nach vorne und bekam sofort meine zwei Bratwürste. Keiner sagte etwas, keiner dachte laut und vorwurfsvoll über mir eventuell fehlende Lesekenntnisse nach, keiner wies mich zurecht. Und so stellt sich insgesamt wie schon beim Autofahren so auch generell beim Warten (im Supermarkt, auf den Bus, auf die Wurst) dar: Die Amerikaner sind ein eher genügsames Völkchen. Eigentlich scheinen sie ganz friedlich zu sein.

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Von Georgetown zur U Street – Viermal DC

Geschrieben von danielsprenger - Montag, 4 Mai 2009

Georgetown, wo der amerikanische Traum sich in Immobilien ausdrückt; Kalorama, wo die Diplomatie ihren Hauptsitz hat; Adams Morgan, wo eine lockere Atmosphäre herrscht und U Street, wo sich der schwarze Stolz ausdrückt – diese vier neighbourhoods lagen am Freitag auf meinem sehr langen Rundgang durch Washingtons Nordwesten (wie im vorherigen Artikel bereits erwähnt, habe ich diesen Sektor noch nicht verlassen).

Hierbei stellte ich für mich selbst fest, dass diese Stadt weit mehr zu bieten hat als die weltweit bekannten touristischen Hotspots. Sie hat tatsächlich alles, was eine Metropole braucht: Sie ist in ihrer Unterschiedlichkeit und mit all ihrem Abwechslungsreichtum, aber auch ihren krassen sozialen Gegensätzen und Widersprüchen liebenswert und abschreckend zugleich, bewundernswert und Anlass zum Kopfschütteln, nie jedoch – langweilig oder uninteressant.

Georgetown stand zu Beginn meines Rundgangs: Hier wohnt die weiße Upper Class in zum Stöhnen schönen Häusern in engen, teilweise noch Kopfstein-gepflasterten Straßen voller alter Bäume. Doch auch in dieses ruhige Wohnviertel hat der amerikanische Alptraum namens Wirtschaftskrise bereits Einzug gehalten: Man sieht des Öfteren Angebotsschilder vor den stattlichen Anwesen. Ein grelles SALE sticht in die Augen, der Makler bittet um Anruf, will man diese oder jene “luxury propriety” besichtigen. Die Immobilienkrise trifft also auch jene, die lange nichts zu fürchten brauchten. Davon unberührt zeigen sich die Läden von allen international renommierten Mode-Labeln, die entlang der M Street und der Wisconsin Avenue angesiedelt sind und durch Shops von einheimischen Designern oder einfachen Boutiquen ergänzt werden. An der M Street liegt auch das ZDF-Studio, ein stattlicher Bau. Rundherum liegen nette Bars und Restaurants. Das gastronomische Angebot werde ich in den folgenden Tagen sicher näher kennenlernen.

Ein besonderes Kleinod habe ich jedoch bereits entdeckt: Der C & O Canal ganz im Süden von Georgetown, unweit des ZDF-Studios, ist ein anachronistisches Juwel inmitten der pulsierenden Großstadt. In historische Gewänder gehüllte Angestellte des National Parks Service bieten Kahnfahrten auf dem malerischen Kanal an. Alles ist dabei Handarbeit: Das Manövrieren des von Mulis gezogenen Bootes im engen Kanal, das Öffnen der Schleusen und das anschließende Versorgen der Zugtiere. So soll ein Eindruck vermittelt werden, wie wichtig der Kanal vor 150 Jahren für den kleinen Handelsposten vor der Hauptstadt war und wie er heute als nationales Monument erhalten wird. Für fünf Dollar ein günstiges Highlight, das ich mir in naher Zukunft auch leisten werde.

Über Kalorama, östlich des einen tiefen Einschnitt in die Stadt darstellenden Rock Creek gelegen, ging ich zum Zoo. Dabei querte ich die Massachusetts Avenue, auch als “Embassy Row” bekannt. Hier reiht sich eine Botschaft an die andere, merkwürdig zu sehen, welch luxuriöse Anwesen sich Staaten wie Mali leisten. Natürlich ist diese Gegend mit die sicherste in DC, sicher aber auch die langweiligste, die ich kenne. Das wäre wohl anders, wenn man selbst Teil des Diplomatischen Korps wäre; für Außenstehende ist hier jedoch nichts zu tun außer an streng abgeschirmten Gebäuden vorbeizulaufen.

Der Zoo, im Rock Creek Park gelegen, ist hingegen einen Ausflug wert: Die Panda-Bären stellen die größte und bekannteste Attraktion dar, sie sind auch wirklich putzig anzuschauen, wie sie Bambus essen und sich faul in die Sandgrube fallen lassen. Auch die Gorillas, Biber, Nilpferde und Seelöwen sind auf ihre Art (die je nach Spezies zwischen betriebsamem Dammbau und kompletter Trägheit variiert) interessant zu beobachten. Sehr zu empfehlen, wer Tiere mag, die in freier Natur kurz vorm Aussterben stehen und in Forschungsprojekten des Zoos gerettet werden.

Adams Morgan ist der anschließende Stadtteil, in dem wir vor vier Jahren mit den Jungs gewohnt haben und in dem entlang der Columbia Road und der 18th Street Bars und Restaurants mit weltweitem Essensangebot aufwarten. Hierhin werde ich sicher noch oft wiederkommen, um zu essen und zu trinken und in entspannter Umgebung Zeit zu verbringen. Wandmalereien und eine freundliche Atmosphäre vermitteln ein gewisses Gefühl der Leichtigkeit, gar Vergleiche mit Berlin sind hier möglich. Den Namen bekam das Viertel übrigens in den 60er Jahren, als die Rassentrennung in Schulen aufgehoben wurde und die weißen Schüler (aus der Adams School) und die schwarzen Schüler (aus der Morgan School) fortan in einem gemeinsamen Gebäude untergebracht wurden. Auch heute noch ist das Viertel gemischt, vielleicht das gemischteste in DC. Die Bürgerrechtsbewegung hatte hier ihre ersten Erfolge und viele Anhänger. 

Multikulturell geht es auch in der anschließenden U Street weiter - zunächst zumindest, je weiter ich auf meinem Nachhauseweg Richtung North Capitol Street und damit auch zur Adams Street kam, desto schwarzer wurde es. Das ist eine Feststellung, die beim stetigen Fußmarsch irgendwann augenfällig wird, auch wenn man nicht genau die trennende Linie ausmachen kann. Nette Cafés und Diners säumten auch hier den Weg, ein Viertel, das einen näheren Besuch lohnt. Demnächst dazu dann mehr.

Insgesamt hatte ich nach diesem Tag voller neuer und höchst unterschiedlicher Eindrücke ein wenig das Gefühl, wie Hugh Grant in der großartigen Szene aus Notting Hill immer weiterzulaufen und dabei durch so viele verschiedene Kontexte zu geraten (bei Grant waren das die Jahreszeiten, bei mir die lokalen Umgebungen), dass man kaum glauben kann, dass das alles entlang von rund 7 Kilometern aufgereiht ist. Der Unterschied zum Film war, dass nicht Ronan Keating den Soundtrack lieferte mit “She´s gone away”, sondern die Großstadt mit ihrem steten Hintergrundgeräusch aus Verkehrslärm, Sirenengeheul, Gesprächsfetzen und Vogelgesang.

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Spaziergang auf der Mall

Geschrieben von danielsprenger - Samstag, 2 Mai 2009

Historisch und monumental war der Donnerstag, abwechslungsreich und multikulturell der Freitag: Auf zwei sehr ausgiebigen Spaziergängen habe ich mich bei stabiler Bewölkung ohne Regen auf die weitere Erkundung der Stadt gemacht. Es folgt hier die Schilderung des ersten Weges, der mich über mir von der 2005-Reise zum Teil noch geläufige Pfade vom Kapitol übers Lincoln Memorial bis nach Georgetown führte.

Anders als damals war der Kongress jetzt jedoch für Besucher geöffnet, das neue unterirdische Visitor Center ist auf einen Massenansturm ausgerichtet, der an diesem Tag vornehmlich von Schulklassen geprägt war. In einem kurzen Film wurde eingangs erläutert, wie aus vielen Teilen eine Nation entstanden ist (was also hinter der Losung “e pluribus unum” steckt, die auf jedem Dollar-Schein und den Wappen der USA zu finden ist) und wie dieser Interessenpluralismus im Kongress eine friedliche Kompromissfindung erfährt. In einer optisch und inhaltlich sehr gut aufbereiteten Ausstellung konnte man nähere Kenntnisse  zur Geschichte und zur Arbeitsweise der zwei Kammern des amerikanischen Parlaments erhalten. Mit einem Guide gelangte man dann in die Rotunde, die durch ihre architektonische Schönheit und lichte Höhe von rund 55 Metern beeindruckt. Bedeutende Szenen der amerikanischen Geschichte sind hierin in Bildern festgehalten: Von Kolumbus Landung über die Taufe Pocahontas bis zur Vereidigung George Washingtons zum ersten Präsidenten des Landes. Neben dieser historischen hat die Kuppel auch eine geografische Bedeutung: Genau in der Mitte unter ihr liegt der Punkt, von dem ausgehend alle Straßen in Washington ihren Namen erhalten haben: Legt man zwei sich in diesem Punkt rechtwinklig schneidende Linien in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung auf den  Stadtplan, so ergeben sich vier Quadranten: Northwest, Northeast, Southeast und Southwest. In jedem gibt es die gleichen Straßennamen, die entweder mit Zahlen (Nord-Süd-Ausrichtung) oder Buchstaben (Ost-West-Ausrichtung) angegeben sind und nur durch den Zusatz NW, NE, SE oder SW klar zuzuordnen sind. Der nordwestliche Quadrant ist mit Abstand der größte, in ihm liegen die meisten Sehenswürdigkeiten. Bislang habe ich mich auch noch nicht aus ihm herausbewegt. Auf der Mall, die den nordwestlichen vom südwestlichen Bereich trennt, kann man allenfalls zum Grenzgänger werden, angesichts der Weite und der monumentalen Anordnung der Memorials wird man sie jedoch kaum verlassen. Die Mall ist, so konnte ich der Erklärug eines Vaters an seinen kleinen Sohn entnehmen keine Shopping Mall, sondern etwas ganz anderes, nämlich eine große lange Grasfläche mit vielen wichtigen Gebäuden drauf. So kann man es auch sagen.

Ich brauchte rund zwei Stunden vom Kapitol zum Lincoln Memorial, zwischendurch war ich kurz im Old Post Office Pavillion im Food Court essen (die Jungs werden sich erinnern!). Am Washington Monument sowie an den Memorials für den Zweiten Weltkrieg, den Amerika im Atlantik und im Pazifik siegreich beendete, und den Vietnam-Krieg, der verloren ging, vorbei gelangte ich rechtzeitig zur Dämmerung zu den Stufen des Lincoln Memorial, in dem wie in den Herzen der Amerikaner die Erinnerung an den Retter der Union wachgehalten wird.

Das Projekt des Zusammenhaltens der Staaten war für Lincoln laut eigener Aussage entscheidender als die Befreiung der Sklaven: “If I could safe the Union without freeing any slave I would do it”. Für ihn, den erklärten Gegner der Sklaverei und Verteidiger der in der Unabhängigkeitserklärung aufgeführten unveräußerlichen Rechte aller Menschen und des Grundsatzes “All men are created equal” hatte die Sicherung der Einheit oberste Priorität. Der vom Norden gewonnene Bürgerkrieg machte dann auch die Abschaffung der Sklaverei im Süden möglich, so wie von Lincoln intendiert. Ein strategisch denkender Politiker mit Weitblick, der aufgrund fester Überzeugungen handelte, wird hier geehrt. An diesem Donnerstag bestimmen wie schon im Kapitol vornehmlich Schulklassen das Bild, eine mit einem T-Shirt, auf dem stand: “In Washington D.C., it´s all about me”, darunter ein Konterfei von George Washington. Naja… Lincoln beweist das Gegenteil. Die große Statue blickt von den Anstrengungen der Präsidentschaft gezeichnet und dennoch gütig aus der einem griechischen Tempel nachempfundenen Halle über die Mall. Auch ich verharrte einige Minuten und betrachtete das sich im Reflecting Pool spiegelnde Washington Monument. So ähnlich hat das auch Martin Luther King gesehen, als er im August 1963 zu seinen berühmten Worten ansetzte: “I have a dream” – 46 Jahre später ist ein Schwarzer Präsident. Ob der Reverend das für möglich gehalten hat?

Nur etwas nördlich der Mall liegt der Watergate-Komplex, eigentlich müsste man diesen hässlichen Betonklotz aus den 60ern zum Nixon Monument erklären, doch widerspräche das wohl dem guten Geschmack noch mehr als seine Architektur. Hier fand jener Einbruch ins Wahlkampfhauptquartier der Demokraten statt, der Nixon knapp zwei Jahre später das Amt kosten sollte. Nicht nur aus politischem Interesse trieb es mich bis hierher und dann noch weiter bis nach Georgetown, nein, auch aus monetären Gründen: Ich musste dringend Geld abheben, um Paula meine Miete zu bezahlen. Doch weder rund um Watergate noch bei der Washington University konnte ich einen ATM (Automatic Telling Machine=Geldautomat) finden. Schließlich dann der Erfolg auf der M Street: SunTrust gab mir die gewünschten 700 Dollar; auch wenn meine Sparkassen-Karte nicht akzeptiert wurde: Meine Kreditkarte wurde begierig belastet.  Hoffentlich nicht über Gebühr…

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