Reise-Blog

Beobachtungen und Anmerkungen von unterwegs

Spaziergang auf der Mall

Geschrieben von danielsprenger am Samstag, 2 Mai 2009

Historisch und monumental war der Donnerstag, abwechslungsreich und multikulturell der Freitag: Auf zwei sehr ausgiebigen Spaziergängen habe ich mich bei stabiler Bewölkung ohne Regen auf die weitere Erkundung der Stadt gemacht. Es folgt hier die Schilderung des ersten Weges, der mich über mir von der 2005-Reise zum Teil noch geläufige Pfade vom Kapitol übers Lincoln Memorial bis nach Georgetown führte.

Anders als damals war der Kongress jetzt jedoch für Besucher geöffnet, das neue unterirdische Visitor Center ist auf einen Massenansturm ausgerichtet, der an diesem Tag vornehmlich von Schulklassen geprägt war. In einem kurzen Film wurde eingangs erläutert, wie aus vielen Teilen eine Nation entstanden ist (was also hinter der Losung “e pluribus unum” steckt, die auf jedem Dollar-Schein und den Wappen der USA zu finden ist) und wie dieser Interessenpluralismus im Kongress eine friedliche Kompromissfindung erfährt. In einer optisch und inhaltlich sehr gut aufbereiteten Ausstellung konnte man nähere Kenntnisse  zur Geschichte und zur Arbeitsweise der zwei Kammern des amerikanischen Parlaments erhalten. Mit einem Guide gelangte man dann in die Rotunde, die durch ihre architektonische Schönheit und lichte Höhe von rund 55 Metern beeindruckt. Bedeutende Szenen der amerikanischen Geschichte sind hierin in Bildern festgehalten: Von Kolumbus Landung über die Taufe Pocahontas bis zur Vereidigung George Washingtons zum ersten Präsidenten des Landes. Neben dieser historischen hat die Kuppel auch eine geografische Bedeutung: Genau in der Mitte unter ihr liegt der Punkt, von dem ausgehend alle Straßen in Washington ihren Namen erhalten haben: Legt man zwei sich in diesem Punkt rechtwinklig schneidende Linien in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung auf den  Stadtplan, so ergeben sich vier Quadranten: Northwest, Northeast, Southeast und Southwest. In jedem gibt es die gleichen Straßennamen, die entweder mit Zahlen (Nord-Süd-Ausrichtung) oder Buchstaben (Ost-West-Ausrichtung) angegeben sind und nur durch den Zusatz NW, NE, SE oder SW klar zuzuordnen sind. Der nordwestliche Quadrant ist mit Abstand der größte, in ihm liegen die meisten Sehenswürdigkeiten. Bislang habe ich mich auch noch nicht aus ihm herausbewegt. Auf der Mall, die den nordwestlichen vom südwestlichen Bereich trennt, kann man allenfalls zum Grenzgänger werden, angesichts der Weite und der monumentalen Anordnung der Memorials wird man sie jedoch kaum verlassen. Die Mall ist, so konnte ich der Erklärug eines Vaters an seinen kleinen Sohn entnehmen keine Shopping Mall, sondern etwas ganz anderes, nämlich eine große lange Grasfläche mit vielen wichtigen Gebäuden drauf. So kann man es auch sagen.

Ich brauchte rund zwei Stunden vom Kapitol zum Lincoln Memorial, zwischendurch war ich kurz im Old Post Office Pavillion im Food Court essen (die Jungs werden sich erinnern!). Am Washington Monument sowie an den Memorials für den Zweiten Weltkrieg, den Amerika im Atlantik und im Pazifik siegreich beendete, und den Vietnam-Krieg, der verloren ging, vorbei gelangte ich rechtzeitig zur Dämmerung zu den Stufen des Lincoln Memorial, in dem wie in den Herzen der Amerikaner die Erinnerung an den Retter der Union wachgehalten wird.

Das Projekt des Zusammenhaltens der Staaten war für Lincoln laut eigener Aussage entscheidender als die Befreiung der Sklaven: “If I could safe the Union without freeing any slave I would do it”. Für ihn, den erklärten Gegner der Sklaverei und Verteidiger der in der Unabhängigkeitserklärung aufgeführten unveräußerlichen Rechte aller Menschen und des Grundsatzes “All men are created equal” hatte die Sicherung der Einheit oberste Priorität. Der vom Norden gewonnene Bürgerkrieg machte dann auch die Abschaffung der Sklaverei im Süden möglich, so wie von Lincoln intendiert. Ein strategisch denkender Politiker mit Weitblick, der aufgrund fester Überzeugungen handelte, wird hier geehrt. An diesem Donnerstag bestimmen wie schon im Kapitol vornehmlich Schulklassen das Bild, eine mit einem T-Shirt, auf dem stand: “In Washington D.C., it´s all about me”, darunter ein Konterfei von George Washington. Naja… Lincoln beweist das Gegenteil. Die große Statue blickt von den Anstrengungen der Präsidentschaft gezeichnet und dennoch gütig aus der einem griechischen Tempel nachempfundenen Halle über die Mall. Auch ich verharrte einige Minuten und betrachtete das sich im Reflecting Pool spiegelnde Washington Monument. So ähnlich hat das auch Martin Luther King gesehen, als er im August 1963 zu seinen berühmten Worten ansetzte: “I have a dream” – 46 Jahre später ist ein Schwarzer Präsident. Ob der Reverend das für möglich gehalten hat?

Nur etwas nördlich der Mall liegt der Watergate-Komplex, eigentlich müsste man diesen hässlichen Betonklotz aus den 60ern zum Nixon Monument erklären, doch widerspräche das wohl dem guten Geschmack noch mehr als seine Architektur. Hier fand jener Einbruch ins Wahlkampfhauptquartier der Demokraten statt, der Nixon knapp zwei Jahre später das Amt kosten sollte. Nicht nur aus politischem Interesse trieb es mich bis hierher und dann noch weiter bis nach Georgetown, nein, auch aus monetären Gründen: Ich musste dringend Geld abheben, um Paula meine Miete zu bezahlen. Doch weder rund um Watergate noch bei der Washington University konnte ich einen ATM (Automatic Telling Machine=Geldautomat) finden. Schließlich dann der Erfolg auf der M Street: SunTrust gab mir die gewünschten 700 Dollar; auch wenn meine Sparkassen-Karte nicht akzeptiert wurde: Meine Kreditkarte wurde begierig belastet.  Hoffentlich nicht über Gebühr…

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