Reise-Blog

Beobachtungen und Anmerkungen von unterwegs

Archiv für die Kategorie ‘Die lange Reise mit mir selbst’

Ein Weg zur beruflichen Orientierung über Köln, Mainz und Washington, D.C.

Mainz bleibt Mainz

Geschrieben von danielsprenger - Dienstag, 7 April 2009

Station zwei meiner diesjährigen Praktikumsreise: Mainz, im schönen Rhein-Main-Gebiet. Schon die Zugfahrt von Köln war landschaftlich äußerst beeindruckend, es ging meist direkt am Rhein entlang; das an einigen Stellen sehr schmale Tal presste Straße, Bahnlinie und Fluss dicht aneinander, erst hinter der Loreley wurde die Landschaft wieder breiter und ebener.

Mehr als drei Wochen ist der Abschied von Köln nun schon her. Am 15. März musste ich Ulrikes nette Wohnung verlassen. Es wartete auf mich: Ein zu teures Zimmer in einer anonymen Wohnblocksiedlung, in der man sich nicht Guten Tag sagt, wenn man sich begegnet (mein erster Gedanke, als ich aus dem Taxi stieg, war: So wohnen auch Schläfer, die sich zu Terroristen mausern, in der Presse heißt es dann über sie: “Unauffällig lebte Fritz-Peter Muhammed in einer Siedlung am Stadtrand nahe der Autobahn”). 600 Euro kostet der Spaß für den Monat, wenigstens verfüge ich für diese stattliche Summe über einen Balkon, von dem die sanft geschwungenen Höhenzüge des Taunus zu sehen sind. Oder besser gesagt: Zu sehen waren. Denn seit es so warm und sonnig geworden ist, verliert sich das Gebirge im Dunst und ist nur noch gelegentlich auszumachen. Dafür sprießen überall die Knospen, von Tag zu Tag wird die Umgebung grüner, Kirschen und einige Sträucher blühen bereits, die Luft ist erfüllt vom süßen Duft des frischen Frühlings.

Und ich sitze in meiner kleinen Butze, habe keinen zum Sprechen und schreibe eine Hausarbeit nach der anderen. Manchmal ertappe ich mich, dass ich mit meinem eigenen Spiegelbild rede – bevor ich irritiert den Kopf schüttle und denke: Nein, verrückt bist du nicht, dir geht es doch ganz gut hier. Stimmt auch wieder: Im Fernsehen das zu sehen, was ich will (also viel), ohne Kompromisse suchen zu müssen, dann in Ruhe besagte Hausarbeiten abschließen, das bringt einen durch die Wochen. Und mittlerweile ist bis auf ein Essay alles an Uni-Kram fertig. Was für ein Gefühl. Zum Glück wird dann in den nächsten Semestern auch erstmal nichts mehr folgen, schon allein deshalb, weil keine Semester mehr folgen… doch dazu später mehr.

An diesem Wochenende war ich trotz der noch anstehenden Schreib-Fleißarbeiten ein ganz ein Verrückter: Ich war doch tatsächlich das erste Mal in der Stadt und dabei angenehm überrascht:  Die Rheinpromenade lädt zum Sonnenbaden ein, auf der Theodor-Heuss-Brücke verläuft die Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen, kenntlich durch Ortsschilder in der Mitte und die jeweiligen Landesflaggen an den Brückenköpfen, die Altstadt ist zwar klein, aber sehr sauber herausgeputzt. Und dann natürlich der Dom:  Das Wahrzeichen der Stadt, ockerfarben steht er dort, mit seinen zwei großen Türmen, der eine romanisch, der andere gotisch, innen sehr dunkel, außen von einer gewissen verspielten Heiterkeit, ein Kontrast, wie er wohl nur im Katholizismus zu finden ist. Das Bauwerk ist mächtig, ein Eindruck, der durch den direkten Kontrast zu den am Marktplatz bis an die Kirchenwände gebauten normalen Häusern verstärkt wird. Was ich vorher nicht wusste: Mainz war lange das größte Bistum der katholischen Kirche, der Erzbischof war in dieser Hochzeit das geistliche Oberhaupt über ein Gebiet, das von Prag bis Zürich und bis Verden an der Aller (!) reichte. Das dürfte die Wuchtigkeit des Baus erklären.

Schön ist Mainz also durchaus  – nur fürchte ich auch, dass es auf Dauer etwas langweilig ist. Das ist dann auch der einzige Nachteil, den das ZDF bietet. Will man auf dem Lerchenberg – also im Sendezentrum, wo auch die Aktualität, der Sport und die meisten anderen Redaktionen ihren Sitz haben – arbeiten, so muss man diese lokale Gegebenheit in Kauf nehmen. Die Arbeit ist es sicher wert, die Atmosphäre ist wie in einer kleinen Stadt, in der man mit fast jedem irgendwie bekannt ist: Es gibt passend dazu eine eigene Sparkassenfiliale im Sender, einen Flug- und Bahnschalter, einen Friseur, einen Einkaufsladen und natürlich die Kantine. Das alles im leicht spacigen, funktionalistischen, von Metall und Glas geprägten 80er-Jahre-Look, der über gewisse biedermeierliche Einschläge verfügt und dessen Innenausstattung einen eigentümlichen Geruchseffekt ausbreitet. Eine Welt für sich. Wenn Brecht sagt, der Pass sei der wertvollste Teil des Menschen, so dürfte das hier leicht umgewandelt auch zutreffen: Der ZDF-Ausweis ist der wertvollste Teil eines Mitarbeiters. Denn nur mit ihm öffnen sich alle Türen (und auch der Weg ins Sendebetriebsgebäude, jenen bunten Rundbau mit seinen verwirrenden Gängen, in dem die drei Studios untergebracht sind).

Ich werde nur noch zwei Tage über diesen Ausweis verfügen, dann endet meine Zeit hier schon wieder. Hauptsächlich zu den ZDF Spezials zum G20-Gipfel und zum NATO-Jubiläum habe ich in der Hauptredaktion Außenpolitik recherchiert und Fakten gesammelt. Eine spannende Zeit, in der ich viel über wirtschaftliche Zusammenhänge gelernt habe, quasi nebenbei. Zum großen Finale kommen meine Eltern übermorgen, um Mainz und Umgebung (Weinberge, Flüsse, Taunus) zu sehen und mich abzuholen – gemeinsam werden wir am Samstag das aktuelle sportstudio besuchen.

In Mainz endet meine Zeit beim ZDF – im Mai geht sie im Studio Washington weiter; dort ist dann die dritte Station meiner Praktikumstour 2009. Nur noch drei Wochen, dann fliege ich. Die Vorfreude wächst, mit dem Visum ist alles durch, eine Wohnung habe ich auch schon gefunden. Alles läuft also prima.

Am besten ist meine Bewerbung um ein Volontariat beim NDR gelaufen: Ab August werde ich dort das lernen, was ich hier schon mache und später machen will: Radio-, Fernseh- und Online-Journalismus in einer der besten, wenn nicht dem besten Ausbildungsort, den es dafür in Deutschland gibt. Dieses Jahr scheint mein Jahr zu sein. Bislang, so muss ich leider mit Hinwendung zu einem sich selbst als Comedian bezeichnenden Menschen (wobei Comedy ja eigentlich was mit Witz und nicht uraltem Aufguss unlustiger Dinge zu tun hat), also unter Verwendung eines Zitats von Mario Barth, sagen: Läuft!

Und weil gerade alles so toll ist, ich das aber mit keinem feiern kann (bis ich nächste Woche mal endlich zuhause und die Woche drauf in Berlin bin) – so sage ich: Geht hinaus, freut euch des Lebens, genießt das Wetter. Genau das werde ich auch gleich machen, mich ein wenig an den See setzen, in dem Enten und Schwäne schwimmen. Natürlich auf ZDF-Gelände, es gibt nichts, was es hier nicht gibt. Auch den Osterhasen habe ich vorhin schon dort vorbeihoppeln sehen!

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Kölle Alaaf!!! Da simmer dabei! Dat is prima!

Geschrieben von danielsprenger - Samstag, 28 Februar 2009

Vorhang auf und Bühne frei, Zauberspiel und Gaukelei! (Die Höhner)

Da bin ich wieder. Aus Köln melde ich mich nach über einem Jahr Funkstille online zurück. Anlässlich eines vierwöchigen Praktikums bei i&u TV hat es mich in die schöne Stadt am Rhein verschlagen.

Vorhang auf und Bühne frei!

Ein gnadenlos genialer Zufall, dass der Praktikumsbeginn mit der Karnevalswoche zusammen fiel. Welch Koinzidenz. Immer schon wollte ich zur Karneval mal in Köln sein. Und, was soll ich sagen?

Jetzt geht´s los, wir sind nicht mehr aufzuhalten!

Einfach unglaublich, wie sich die Menschen im Engelbät, einer Kneipe nahe der Zülpicher Straße stundenlang in den Armen liegen, schunkeln, singen und klatschen, tanzen, trinken und springen. Und das von Donnerstag bis Dienstag. Doch der Reihe nach… es folgt eine Erzählung der letzten zwei Wochen, in denen der Karneval dominierte und die deshalb nicht umhin kann, dort den folgenden Text gliedernde Anklänge zu nehmen!

Su simmer all he hinjekumme (Bläck Fööss)

Am Samstag, den 14. Februar, machte ich mich von Berlin aus auf nach Köln! Ich erreichte die Wohnung von Ulrike, meiner großartigen Vermieterin und fühlte mich sofort wohl bei ihr und Christina, ihrer Tochter. Vielen Dank an Lea für die Vermittlung. Mittlerweile ist die kleine, derzeit durch kollektives Husten und Halskratzen zu erkennende WG angewachsen: Seit Mittwoch wohnt auch Woody, ein stark behaarter und recht zutraulicher Kater, hier.

Mir sprechen hück all dieselve Sprooch

Naja, fast zumindest… Denn am ersten Abend, nachdem ich den Auftritt von Paulsrekorder im Vorprogramm von Mia im Palladium sehen durfte und dabei von beiden Gruppen ziemlich begeistert war, ging ich aufgrund akuten Hungergefühls in der Keupstraße auf und ab, auf der Suche nach einem Döner-Laden, in dem nicht eine absurd lange Schlange stand bzw. nicht vorbestellte Döner im Dutzend gemacht wurden. Schließlich wurde ich fündig und stellte fest, dass die türkische Gemeinde hier in Köln doch anders drauf ist als in Berlin: Die Döner-Männer sind nicht einfach nur kleine Imbissbuden, sondern regelrechte Restaurants, die auch nachts um ein Uhr noch voll sitzen. Es gibt nicht die geschmackliche Soßen-Dreifaltigkeit “KräuterKnoblauchScharf” wie in Berlin, sondern die Wahl zwischen Tzatziki und Chili. Ungewohnt, aber nicht schlecht, der Döner mit Echtfleisch, zur Wahl stehen Lamm oder Rind, ist größer und insgesamt auch lecker! Mülheim ist ähnlich wie Neukölln von der Bevölkerungsstruktur, wobei ich sagen würde, dass die türkische Gemeinde hier nicht so stark wie in Berlin von Studenten oder anderen Einheimischen ergänzt wird. Genauere soziologische Studien diesbezüglich werde ich in den nächsten Wochen noch anfertigen.

Nä, wat wor dat dann fröher en superjeile Zick (Brings)

Langsam, aber sicher ging es nach dem Praktikumsbeginn am 16. Februar und einer interessanten und von den beruflichen Kontakten her sehr ansprechenden After-Show-Party von sternTV am Mittwoch auf die tollen Tage zu. An Weiberfastnacht waren die Kollegen ab mittags zumeist nicht mehr auf der Arbeit, es herrschte Stille auf den Bürofluren am Hohenzollernring, dafür laute Feierstimmung in der Innenstadt. Auch ich ging etwas eher, auf dem Neumarkt war eine Bühne aufgebaut, einige Karnevalsgruppen traten auf, die Menschen tanzten im leichten Schneefall. Sowas gibt es in Berlin auf Straßenfesten auch (gut, dann eher ohne Karnevalslieder vom Schlage: “Über Köln da lacht die So-hon-ne, über Düsseldorf die Welt”). Doch was danach kommen sollte, war einzigartig. Sowas habe ich nie zuvor erlebt.

Et Schönste, wat m’r han, schon all die lange Johr, es unser Veedel

Entweder man mag Karneval oder man hasst es. Vom ersten Moment an wird man sich für eine Seite entscheiden. Es gibt nichts dazischen. Grautöne sind unzulässig!

Als Clown

Am Donnerstag bin ich zunächst mit Jan, dem Freund von Ulrike, der jedes Jahr zum Karneval aus Amsterdam kommt, in den Rather Hof gegangen, eine kleine Kneipe hier im Ort. Dort war es um 22 Uhr (nach ca. 12 Stunden Feierei) noch gut gefüllt, es lief neben Karnevals- auch normale Partymusik. Für einen ersten Einblick nicht schlecht. Man tanzt und trinkt ein Kölsch (hier tatsächlich nur 0,2l fassend) nach dem anderen und merkt kaum etwas davon. Ich war übrigens als Kultur-Attaché verkleidet. Als solcher, der mit der Kulturtasche auf dem Kopf einen perfekten, aber auch schweißtreibenden Kontrast zur blauen Uniform mit roter Schärpe schafft, ging ich auch am Freitag ins Engelbät.

Mit Jan - Maler und Kulturattasche Der sogenannte Kranz bringt Nachschub Stärkung vor dem Party-Sturm

Drink doch eine met, stell dich nit esu ahn! (Bläck Föös)

Hier merkte ich dann sofort, dass das ein wahnsinnig lustiger Abend werden würde. Vor der Tür mussten wir etwas warten, erst wenn Leute die kleine Kneipe verließen, wurden wieder neue hineingelassen. Bons für Kölsch (sogenannte Biermarken) konnten schon draußen gekauft werden, immer nur im 10er-Pack. Sie konnten dann, immerhin für 0,3l-Gläser, abgegeben werden. Beim Kellner, der sich mit dem mit ausgestreckten Arm getragenen Kranz einen Weg durch die dicht an dicht stehenden Jecken bahnen musste. Und es wurde ununterbrochen getanzt und mitgesungen, auch von mir. Auch wenn ich die Texte der ultimativen Bands Höhner, Bläck Fööss oder Brings zumeist nicht kannte, bei den Refrains war ich schnell textsicher. Außerdem bekommt man, sofern man bereit ist, sich darauf einzulassen, schnell das Gefühl, für das die Höhner Köln so loben:

Da simmer dabei, dat is prima! Viva Colonia!

Wir waren lange dabei, bis um fünf. Am nächsten Morgen ging ich mit Jan in die Sauna, was ich eine Stunde vor der Abfahrt und ziemlich durcheinander vom Abend vorher kaum gedacht hätte. Aber eine kleine Kopfschmerztablette zum Frühstück wirkt wahre Wunder. Durchs Schwitzen in der sehr schön gestalteten Saunalandschaft in Bergisch-Gladbach wurden dem Körper auch viele der zuvor aufgenommenen Giftstoffe wieder entzogen. Abends waren wir dann wieder fit, es ging erneut ins Engelbät. Diesmal war es dort noch schöner.

Du bes Kölle, ob de wills oder och nit (Tommy Engel)

Auch als Neuling wird man herzlich aufgenommen an Fastelovend, kurze Gespräche mit anderen zeigten mir, dass ich nicht der einzige Auswärtige war. Und wer das einmal mitgemacht hat und wem das dann gut gefallen hat, der kommt wieder. Ich auch. Am Samstag ging ich übrigens als Clown und nach genau elf Stunden Aufenthalt in der Kneipe wieder nachhause, um vier Uhr. Bemerkenswert daran ist, dass die Kölner es tatsächlich schaffen, ca. sechs Stunden mit Liedern über ihre Stadt und deren markante Bauwerke zu füllen.

Mer losse d´r Dom in Kölle (Bläck Fööss)

Ulrike und ich beim Zug Originelles Gefährt

Am Sonntag guckten wir uns den Zug in Brück an, einem kleinen Nachbarort. Im strömenden Regen gingen wir dorthin, praktisch, dass ich mich spontan als Angler mit wasserfester Jacke verkleidete. Kamelle und Strüssje wurden geworfen, in die Pfützen und in die Taschen. Das entspannte Tatortgucken am Abend war ein Ausgleich zu den Tagen davor. Am Montag ging es für mich dann zum letzten Mal ins Engelbät. Obwohl es sich alles zum dritten Mal wiederholte, war es kein bisschen langweilig, sondern wieder ein netter, lustiger Abend. Nur dass man die Leute jetzt schon wiedererkannte und sie einen auch. Ich wurde gefragt, wo ich denn meine Kulturtasche gelassen habe. Aus Geruchsgründen daheim, gab ich zurück. Für viel mehr Worte reichen die kurzen Pausen der Musik oder vorübergehende Auszeiten auf der Empore nicht. Das ist einerseits schade, mit manchen würde man sich gerne länger unterhalten, doch ist der Sinn des Ganzen ja nicht, Smalltalk zu führen, sondern Spaß zu haben. Und den hatte ich, und zwar so wie selten zuvor! Dass ich am Dienstag wegen des Volontariat-Auswahlverfahrens nicht mehr in Köln sein konnte, um der traditionellen Nubbel-Verbrennung vor der Kneipe beizuwohnen, war schade. Und so gilt wohl, was Brings zum über die schöne alte Zeit singen und was ich auf die nun gerade vergangene tolle Zeit übertragen möchte:

Mit Träne in d’r Auge loor ich manchmol zurück!

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