Reise-Blog

Beobachtungen und Anmerkungen von unterwegs

Lass uns eilen, wir haben Zeit…

Posted by danielsprenger - Mittwoch, 24 Juni 2009

… es schadet das Verweilen uns beiderseit.

Was Martin Opitz im Barock so schön formulierte, mag auch für die letzten zwei Monate meines Washington-Aufenthaltes gelten. In Anbetracht der Tatsache, dass die Verweildauer von vornherein so stark beschränkt war, habe ich versucht, so viel wie möglich zu unternehmen. Darunter hat die Aktualität des Blogs zwar gelitten, doch ist mein Entdeckergeist dadurch nicht zu Schaden gekommen. Um die achteinhalbstündigen Arbeitstage herum ist so einiges an Geschichten und Kuriosem, von neuen Orten und bekannten Stätten zusammengekommen, von dem ich hier nun stichpunktartig berichten werde.

Roadtrip durch Maryland und Delaware

Mit Philipp, den ich dankenswerter Weise durch geschickte Vermittlung kennenlernte, bin ich am vorletzten Mai-Wochenende auf einen Roadtrip an die Atlantikküste aufgebrochen. Der Trip dauerte nur einen Tag, führte dabei aber durch zwei Staaten (Maryland und Delaware) und in drei Städte: Ocean City, eine 180 Straßen lange, ziemlich öde Touristenkolonie, die komplett ohne Bäume, aber mit sehr vielen Billighotels, die in architektonisch fragwürdigen Konstruktionen untergebracht sind, auskommt. Keine Frage, der Strand war sehr gepflegt, makelloser Sand und viele Möwen, doch fehlte die Atmosphäre. Interessanterweise hing im Männer-Strandklo ein Schild, auf dem stand, dass es durchaus vorkommen könne, das weibliches Reinigungspersonal diese Toilette zu säubern gedenkt. Vor sowas muss hier gewarnt werden, die Prüderie verlangt es. Aus diesem Grund habe ich mich auch nicht getraut, den Fotoapparat rauszuholen, um besagtes Schild abzuknipsen. Das hätte mir ja irgendwie negativ ausgelegt werden können…

Schon besser war es in Bethany Beach, einem mittelgroßen Badeort, der bereits in Delaware liegt. Am schönsten und von der Atmosphäre her einer Mischung aus Kühlungsborn und spanischem Ferienort gleichkommend, war es jedoch in Rehoboth (einem Ort, den ich immer noch schwer aussprechen kann): In einem urigen Seafood-Laden gab es leckere Fish and Chips für uns und eine längere Pause vom Fahren.

Das Fahren stellte sich so gemütlich und halt auch tatsächlich langsam dar, dass man dabei fast vergessen konnte, dass man in einem PT Cruiser durch die Lande fährt. Durch Lande, in denen die foreclosure- und for sale-Schilder wie Pilze aus dem Boden wachsen, durch Lande, in denen dennoch munter weiter instabile Holzhäuser direkt an die Küste gebaut werden und durch Lande, in denen jeder noch so kleine Ort voller großer Grundstücke mit einem makellos gepflegten Rasen (jedoch fast immer ohne Blumen) ums Haus über eine Kirche verfügt, in der die Lösung aller Probleme versprochen wird, welche letztlich in GOD bestünde. Eine Fahrt durch amerikanisches Herzland ist dann doch mal eine erkenntnisreiche Abwechslung zur funky hip town Washington, DC. 

Memorial Day

Nach der Rückkehr vom Roadtrip stand gleich am folgenden Sonntag die bekannte Motorradrallye der Kriegsveteranen an. Vom Reflecting Pool fuhren sie mehrmals um die Mall, eine nicht abreißen wollende Schlange röhrender Maschinen mit patriotisch gekleideten und grüßenden Fahrern. Am Straßenrand begeisterte Menschen, die versuchten, die Fahrer abzuklatschen. Einige amerikanische Originale waren dabei, Uncle Sam hat also einen Führerschein und lenkt damit ganz schwere Maschinen…

Am Memorial Day, dem 25. Mai, fand dann eine Parade statt, die in ihrer Bildsprache das beste aus Revolutionsromantik, Militärverehrung und Disneyland verband und mir einfach ständig Anlass zum Schmunzeln gab. Ein Laden in Downtown DC hat am Memorial Day sicherlich besonders hohe Umsätze gehabt: Der Obama-Andenken-Shop. Hier gibt es alles, was ein Obama-Fan braucht, von Obama-Tassen über Michelle- oder Bo-Untersetzer bis hin zu programmatischen T-Shirts, die unmissverständlich zeigen, welchem politischen Spektrum man angehört. Schwer vorstellbar, dass es Angela Merkal jemals auf irgendeines dieser Produkte schafft, noch schwerer vorstellbar, dass dieses Produkt dann tatsächlich gekauft wird.

 New York

In der ersten Juni-Woche nahm ich mir zwei Tage Auszeit von der Arbeit und fuhr für vier Tage nach New York City. Ganz auf mich alleine gestellt, entdeckte ich Viertel und Restaurants, die wir vor vier Jahren nicht besucht hatten. Natürlich, es zog mich auch an die bekannten Orte wie den Times Square oder den Battery Park, eine Fahrt mit der Staten Island Ferry musste ebenso sein wie ein Gang über die Brooklyn Bridge während der Dämmerung, doch waren die ausgiebigen Spaziergänge in Vierteln wie Clinton (westlich von Midtown), in der Lower East Side, im East Village oder auch in Harlem interessanter und vor allem realer als die von Touristenmassen bevölkerten Hotspots.

In der Lower East Side habe ich sowohl in einem polnischen Restaurant Pierogi gegessen als auch bei Katz´s Delicatessen das berühmte Pastrami-Sandwich probiert. In diesem Deli spielte übrigens die Szene aus Harry und Sally, in der Meg Ryan Billy Crytal einen Orgasmus vorspielt. (Zum Glück war ich ohne weibliche Begleitung unterwegs.) Abends war nur Navin, ein Brite auf Zwischenstopp in New York, mit dabei; zusammen waren wir in einigen Bars, ebenfalls in der Lower East Side, so habe ich auch etwas vom Nachtleben dort mitbekommen.

Gewohnt habe ich wie schon vor vier Jahren im Chelsea International Hostel, 20th Street, nahe der 8th Avenue, die als Hochburg der Gay Community gilt. Auf dem Weg zum Hudson River lernte ich diesen Neighbourhood aber auch anders kennen: Chelsea Market mit einem in einer ehemaligen Keksfabrik untergebrachten Food Court verströmte jene Mischung aus Altem und Neuem, Zerfallendem und neu Entstehendem, wie es für Metropolen wohl nötig ist, um als weltweit bedeutender Trendsetter zu gelten. Das gleiche gilt für den extrem fotogenen Meatpacking District, in dem an einigen Ecken noch immer Schweinehälften verladen werden, während gegenüber die Nobelboutiquen und Computerläden aufmachen. Greenwich Village und SoHo, Little Italy und Chinatown waren die nächsten Stationen dieses langen Rundgangs, von neureich über einfach nur schick bis hin zu gutem italienischen Essen und lebenden Fröschen, die als chinesische Delikatesse verkauft werden, war hier alles zu sehen. Da ich alleine unterwegs war, hatte ich immer Gelegenheit, überall so lange zu bleiben wie ich es wollte. Ohne dass jemand zum Klo musste, was essen wollte, schwitzte, lieber was anderes machen wollte oder sonstwie nervte. Der Nachteil: Ich konnte mit keinem über meine Erfahrungen sprechen,was doch auch irgendwie komisch ist.

Die Rückfahrt war dann noch mal eine Lektion in Sachen amerikanischer Organisationsfähigkeit. Der Boltbus, der auf dem Hinweg so überaus pünktlich und zuverlässig fuhr, ließ lange auf sich warten. Als dann einer nach dem anderen kam, keiner aber nach DC fuhr, wurde mir etwas mulmig zumute. Ich fragte einen Fahrer, was los sei, der meinte, er wüsste nichts. Unfreundlich wies er meine weiteren Fragen ab. Dann kam er jedoch zurück und sagte, die Busse nach DC führen an einem anderen Punkt, just schräg gegenüber, ab. Das war auf meiner Fahrkarte nicht so vermerkt. Ich überquerte diesem Rat folgend also die Straße, als der DC-Bus gerade abfahren wollte. Hätte der Busfahrer also nicht zufällig das mit der anderen Haltestelle geraunt, hätte ich unfreiwillig noch eine Nacht in New York dranhängen müssen. Denn natürlich kam für mich schon aus Zeitgründen nichts anderes in Frage, als den letzten Bus zurück zu nehmen.

Arlington und Alexandria

Letzten Sonntag habe ich mich aufs Rad geschwungen und bin über Arlington Cemetery nach Alexandria gefahren. Der Friedhof beeindruckt durch seine schiere Größe und die schlichten weißen Holzkreuze, die für die in den amerikanischen Kriegen seit dem Bürgerkrieg gefallenen Soldaten stehen. An John F. Kennedys Grab, über dem eine ewige Flamme brennt, waren Ausschnitte aus seinen berühmtesten Reden angebracht, u.a. auch: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst.“ Viele Amerikaner pilgerten zu dieser schlichten Bronzeplatte, um Fotos zu machen und innezuhalten. Die Wachablösung am Grab des unbekannten Soldaten war dann eine Demonstration militärischen Drills und stoischer Gewissenhaftigkeit des auf und ab marschierenden Soldaten angesichts hunderter Objektive, die auf ihn und seine abgehackten Bewegungen gerichtet wurden. Ein Ausflug nach Arlington ist schon deshalb empfehlenswert, weil sich von der Hügelkuppe, auf der das ehemalige Privathaus des Konföderierten-Generals Robert E. Lee steht, ein fantastischer Blick auf die Mall und Washingtons Landmarks bietet.

Am Potomac entlang fuhr ich bis nach Alexandria, das mit einer hübschen Altstadt aufwartet und am Hafen den unvermeidlichen Food Court direkt neben ein Spitzenrestaurant gesetzt hat. Mein Urteil: Schön zum Bummeln am Wasser, doch wer Georgetown gesehen hat, der kennt auch schon Alexandria. Dennoch ist ein Kurzausflug hierhin eine willkommene Abwechslung zur Hauptstadt, zu deren Distrikt Alexandria eine Zeit lang gehörte, ehe sich DC auf den östlichen Teil des Potomac zurückzog. Auf das Gebiet, in dem es heute noch liegt und in dem ich so viel Spaß und Freude, so viele Barbesuche und Partys wie selten zuvor erlebte und in dem ich mir vorstellen könnte, für längere Zeit zu leben.

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The Class of 2009 – Die HU in Washington

Posted by danielsprenger - Sonntag, 17 Mai 2009

Erst am Sonntagabend komme ich dazu, einige Erlebnisse und Eindrücke der vergangenen Woche aufzuschreiben. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit hier viel zu schnell vorbeirast, es ist schon Mitte Mai durch, ich bin seit drei Wochen hier, und alles scheint sich immer mehr zu beschleunigen… Das liegt wohl hauptsächlich daran, dass nahezu jeden Abend irgendeine Party oder ein Barbesuch anliegt. Los ging eine sehr vollgepackte, spannende Woche am Samstag, den 09. Mai, mit dem Besuch einer original amerikanischen Graduiertenfeier. Die fand an der HU statt, welche es auch hier gibt. HU steht in dem Fall aber für Howard University. Diese nahezu ausschließlich von Schwarzen besuchte Uni liegt direkt neben dem LeDroit Park, dem historischen Stadtviertel, das Ende des 19. Jahrhunderts entworfen und gebaut wurde und in dem sich auch Paulas Haus befindet. Am einmal jährlich stattfindenden Commencement Day erhalten die Studenten ihr Diplom. Ein Festakt, den es so an deutschen Unis nicht gibt: In prächtige Gewänder gehüllt und mit dem zum jeweiligen Fachbereich gehörenden Schal sowie dem bekannten Akademikerhut mit herunterhängendem Puschel ausgestattet, verfolgten die Graduierten in praller Sonne und zunehmender Hitze die Zeremonie. Das Drehbuch sah bereits zu Beginn  programmatische Musik vor: Der ca. einstündige Einmarsch der Fakultäten wurde begleitet von einer Endlosschleife des Last Night of the Proms-Klassikers „Land of Hope and Glory“. Passender hätte die akustische Untermalung nicht gewählt werden können:

Hoffnung ist angesichts der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, die auch die jungen Akademiker der Class of 2009 trifft und vielen eine ungewisse berufliche Zukunft bringt, eine nötige Gefühlsregung. Die für den heute.de-Artikel von Fanny Interviewten lieferten denn auch eine realistische Einschätzung ihrer Perspektiven, ohne dabei aber allzu pessimistisch zu sein. Näheres unter: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/8/0,3672,7587592,00.html

Land of Hope and Glory: Die Hoffnung richtet sich vornehmlich auf den ersten schwarzen Präsidenten, der entsprechend glorifiziert wurde. Jeder Redner hob hervor, dass die Studenten die ersten seien, die unter einer neuen Ägide graduierten, von der viele gedacht haben, dass sie niemals kommen würde. Nun ist sie da. Bewegende Momente, auch und gerade für einen der schätzungsweise 20 Weißen in der Menge, wenn darauf hingewiesen wurde, wie lang der Weg war, an dessen Ende im Weißen Haus vier schwarze Frauen leben können, die nicht für die Wäsche zuständig sind. Zu den Rednern gehörten die Moderatorin Gwen Ifill und der Schauspieler Lawrence Fishburn (aus Matrix bekannt, mir aber bis dato nicht geläufig), die auch einen Ehrendoktortitel erhielten. Anschließend wurde das förmliche Graduierungsverfahren begonnen: Der Dekan einer jeden Fakultät empfahl dem Uni-Präsidenten, seine Studenten mit dem entsprechenden offiziellen Titel auszustatten. Der machte das prompt und sagte sinngemäß jedes Mal, dass zur Graduierung der Schal umzulegen sei als Zeichen für die mit Abschluss einhergehenden Rechte und Pflichten der ehemaligen Studenten. Das Hütewerfen unterblieb dann allerdings, war verboten, vllt. wegen der Verletzungsgefahr? Doch auch ohne diesen hat toss war der Besuch an der Washingtoner HU überaus lohnend, weil ich so ein wirklich sehr amerikanisches Fest miterleben konnte.

Eine sehr amerikanische Begegnung folgte dann in der Nacht. Nach einer Party in Columbia Heights warteten fünf deutsche Praktikanten auf ein Taxi. Sie hatten eine Rotweinflasche dabei und versuchten zunächst, diese aufzubekommen. Das gelang mithilfe eines Zaunes und der bewährten Korken-Reindrück-Methode. Als dann jedoch die ersten Schlucke genossen wurden, sah ein vorbeifahrender Police Officer den hier verbotenen Alkoholkonsum auf öffentlichem Grund. Er hielt an, drehte um und fragte: „Hey, are you drinking alcohol?“ Wir hatten die Flasche inzwischen verschwinden lassen, zunächst in einem Briefkasten, woraus es dann jedoch tropfte, was ziemlich verdächtig aussah, dann hinter einem Baum. Der Officer ließ trotz nun fehlenden Beweismittels nicht locker, auch die Verstellung, dass wir ihn sprachlich nicht verstünden, half nichts. Uns rettete ein Funkspruch, der ihn zu einem anderen, tendenziell wichtigeren Einsatz rief. Noch mal Glück gehabt. Und wieder was gelernt: Was solche Sachen angeht, ist man hier in der Tat bekloppt. Das sollte man respektieren, schließlich wäre als Strafe entweder einige Tage Gefängnis oder, eher wahrscheinlich, eine Geldbuße von bis zu 100 Dollar auf uns zugekommen. Ein teurer Wein wäre das gewesen… gänzlich ungerechtfertigt, wenn man das in Relation zum dürftigen Geschmack setzt.

Aus diesem Grund ist man also gut beraten, den Genuss von alkoholischen Getränken in Bars oder andere dafür vorgesehene Bereiche zu verlegen. So wie am Dienstag ins Reef in Adams Morgan, am Mittwoch ins Local 16 an der U Street, am Donnerstag ins Frontpage am Dupont Circle oder am gestrigen Samstag in den Biergarten, der anlässlich des asiatischen Kulturfestes auf der Pennsylvania Avenue errichtet wurde. Wenn man weiß, wo und wann Happy Hours sind, bekommt man ein Corona schon für 2 Dollar oder ein normales Bier für 3. Das ist nicht schlecht. Und überhaupt findet man in DC schnell Anschluss: Denn ich befinde mich hier auch in der Welthauptstadt der Praktikanten. Und des Smalltalks, der sich im Wesentlichen immer um eine Trias aus folgenden Fragen dreht: Wo kommst du her? Was machst du hier? Wo wohnst du? Das Tolle ist, wenn man dann ein paar Leute gefragt hat, kommt man so durcheinander, dass man gerne noch einmal dieselben Fragen stellt. So versiegt der Gesprächsfluss nicht so schnell…

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Von Unwettern und der Genügsamkeit

Posted by danielsprenger - Sonntag, 10 Mai 2009

Seit Tagen hatte ich von vielen verschiedenen Leuten immer wieder diesen einen Satz gehört: „That´s very unusual“ – sehr ungewöhnlich sei es, dass es im Mai derartig anhaltend schlechtes Wetter gibt. Interessant zu wissen, aber wenig hilfreich, wenn man einen schönen Spaziergang zum Jefferson Memorial plant und dann wieder mal nicht ohne Regenschirm auskommt. Zudem war es am letzten Samstag in der runden, an ein antikes Pantheon erinnernden, tatsächlich aber Jeffersons Anwesen Monticello nachbildenden Gedenkhalle recht zugig. Was den dritten US-Präsidenten, imposant in Bronze gegossen, jedoch überhaupt nicht anficht. Inmitten einiger seiner Kernaussagen zu Freiheit, Republik und Menschenrechten steht er fest auf seinem Sockel. Der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung blickt über die Mall zum Weißen Haus, wo er als erster Präsident die Amtsgeschäfte führte.

Aber zurück zum Regen: Seit ich angekommen bin, hat es jeden Tag zumindest einmal geregnet. Der Höhepunkt war Mittwochnacht erreicht, als ich nach Besuch der 18th Street Lounge, einem Treffpunkt vieler Praktikanten und zumeist junger Business-Menschen, am Dupont Circle auf den Bus wartete und ein Unwetter sondergleichen einsetzte. Ich hatte in einem Wartehäuschen Unterschlupf gefunden und benutzte den Regenschirm als horizontal ausgerichtete Verteidigung gegen die einströmenden Wassermassen. Bürgersteig und Straße waren schnell von einer zentimeterdicken Wasserschicht bedeckt, für einige Minuten fuhren kaum noch Autos. Ein Passant setzte sich zu mir und meinte angesichts der Nässe um uns rum sehr trocken: „There ain´t no good in that, buddy“, was im afroamerikanischen Slang in etwa so viel heißt wie: Meine Güte, das ist jetzt ganz schön heftig. Nach zehn Minuten war alles vorbei, der Bus kam und brachte mich sicher nachhause.

Apropos Bus: Das ist eigentlich eine eigene Geschichte wert, deshalb hier nur soviel: Abends braucht der Bus längst nicht so lange wie während der Rush Hour, wo man für die Strecke von 20 Straßen schon mal 30 Minuten einplanen kann. An einigen Stellen wäre es besser zu laufen, vor allem am Dupont Circle. Der ist mit Ampeln geregelt und zu den Stoßzeiten immer so verstopft, dass es oft mehr als fünf Minuten dauert, um von einer Seite auf die andere zu kommen. Absurd. Wenn ich es vermeiden kann, werde ich also lieber zu Fuß gehen als auf den Bus zu warten. Zumal er auch höchst unregelmäßige Abfahrtszeiten hat: Gestern stand ich 50 Minuten in Georgetown, trotz Ankündigung, alle 30 Minuten fahre ein Bus zur Howard University. Da wurde ich etwas grummelig. Zu Fuß hätte ich es in der Zeit fast bis nachhause geschafft.

Zuvor war ich in der Deutschen Botschaft beim Tag der offenen Tür anlässlich des Europa-Tages. Und hier greife ich das durchgehende Wetter-Thema dieses Eintrags wieder auf: Nachdem es am Donnerstag extrem schwül war, was mir gar nicht gut bekommen ist, haben wir seit Freitag trockenes, angenehmes und gestern richtig warmes Wetter. Ich hatte aus meiner bisherigen Erfahrung nicht mit anhaltendem Sonnenschein gerechnet und mich deshalb vorsorglich nicht eingecremt, was mit einer roten Nase und einem reizenden Maurernacken belohnt wurde. However, an der Botschaft war es nett, die Residenz des Botschafters war zu besichtigen, davor gab es Dinge, die das amerikanische Klischee vom Deutschen bestätigen dürften: Bratwurst, Bier und Lederhosen, Alphornbläser, Akkordeonspieler und Trachtenkleider, aber auch neue deutsche Alltagsdinge wie Bionade, Döner und Playmobil. Bi-Emm-Dabbeljuhs als Dienstwagen, die manch einer als bequeme Rückenlehnen verwendete… Und Gerolsteiner Wasser – mit Kohlensäure! Ja, so sind wir Deutschen also. So stellt man sich uns hier wohl auch vor. Ich fürchte, dass darin durchaus eine Wahrheit liegen kann. Zumindest das Wasser war sehr nötig. Und die Bratwurst. Beim Kauf derselbigen konnte ich noch eine interessante Sozialstudie anstellen: Da ich wirklich Hunger hatte und nicht bereit war, mich mit der gekauften Essensmarke in die 100m lange Schlange zu stellen, ging ich an den meisten vorbei bis ganz nach vorne und bekam sofort meine zwei Bratwürste. Keiner sagte etwas, keiner dachte laut und vorwurfsvoll über mir eventuell fehlende Lesekenntnisse nach, keiner wies mich zurecht. Und so stellt sich insgesamt wie schon beim Autofahren so auch generell beim Warten (im Supermarkt, auf den Bus, auf die Wurst) dar: Die Amerikaner sind ein eher genügsames Völkchen. Eigentlich scheinen sie ganz friedlich zu sein.

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Von Georgetown zur U Street – Viermal DC

Posted by danielsprenger - Montag, 4 Mai 2009

Georgetown, wo der amerikanische Traum sich in Immobilien ausdrückt; Kalorama, wo die Diplomatie ihren Hauptsitz hat; Adams Morgan, wo eine lockere Atmosphäre herrscht und U Street, wo sich der schwarze Stolz ausdrückt – diese vier neighbourhoods lagen am Freitag auf meinem sehr langen Rundgang durch Washingtons Nordwesten (wie im vorherigen Artikel bereits erwähnt, habe ich diesen Sektor noch nicht verlassen).

Hierbei stellte ich für mich selbst fest, dass diese Stadt weit mehr zu bieten hat als die weltweit bekannten touristischen Hotspots. Sie hat tatsächlich alles, was eine Metropole braucht: Sie ist in ihrer Unterschiedlichkeit und mit all ihrem Abwechslungsreichtum, aber auch ihren krassen sozialen Gegensätzen und Widersprüchen liebenswert und abschreckend zugleich, bewundernswert und Anlass zum Kopfschütteln, nie jedoch – langweilig oder uninteressant.

Georgetown stand zu Beginn meines Rundgangs: Hier wohnt die weiße Upper Class in zum Stöhnen schönen Häusern in engen, teilweise noch Kopfstein-gepflasterten Straßen voller alter Bäume. Doch auch in dieses ruhige Wohnviertel hat der amerikanische Alptraum namens Wirtschaftskrise bereits Einzug gehalten: Man sieht des Öfteren Angebotsschilder vor den stattlichen Anwesen. Ein grelles SALE sticht in die Augen, der Makler bittet um Anruf, will man diese oder jene „luxury propriety“ besichtigen. Die Immobilienkrise trifft also auch jene, die lange nichts zu fürchten brauchten. Davon unberührt zeigen sich die Läden von allen international renommierten Mode-Labeln, die entlang der M Street und der Wisconsin Avenue angesiedelt sind und durch Shops von einheimischen Designern oder einfachen Boutiquen ergänzt werden. An der M Street liegt auch das ZDF-Studio, ein stattlicher Bau. Rundherum liegen nette Bars und Restaurants. Das gastronomische Angebot werde ich in den folgenden Tagen sicher näher kennenlernen.

Ein besonderes Kleinod habe ich jedoch bereits entdeckt: Der C & O Canal ganz im Süden von Georgetown, unweit des ZDF-Studios, ist ein anachronistisches Juwel inmitten der pulsierenden Großstadt. In historische Gewänder gehüllte Angestellte des National Parks Service bieten Kahnfahrten auf dem malerischen Kanal an. Alles ist dabei Handarbeit: Das Manövrieren des von Mulis gezogenen Bootes im engen Kanal, das Öffnen der Schleusen und das anschließende Versorgen der Zugtiere. So soll ein Eindruck vermittelt werden, wie wichtig der Kanal vor 150 Jahren für den kleinen Handelsposten vor der Hauptstadt war und wie er heute als nationales Monument erhalten wird. Für fünf Dollar ein günstiges Highlight, das ich mir in naher Zukunft auch leisten werde.

Über Kalorama, östlich des einen tiefen Einschnitt in die Stadt darstellenden Rock Creek gelegen, ging ich zum Zoo. Dabei querte ich die Massachusetts Avenue, auch als „Embassy Row“ bekannt. Hier reiht sich eine Botschaft an die andere, merkwürdig zu sehen, welch luxuriöse Anwesen sich Staaten wie Mali leisten. Natürlich ist diese Gegend mit die sicherste in DC, sicher aber auch die langweiligste, die ich kenne. Das wäre wohl anders, wenn man selbst Teil des Diplomatischen Korps wäre; für Außenstehende ist hier jedoch nichts zu tun außer an streng abgeschirmten Gebäuden vorbeizulaufen.

Der Zoo, im Rock Creek Park gelegen, ist hingegen einen Ausflug wert: Die Panda-Bären stellen die größte und bekannteste Attraktion dar, sie sind auch wirklich putzig anzuschauen, wie sie Bambus essen und sich faul in die Sandgrube fallen lassen. Auch die Gorillas, Biber, Nilpferde und Seelöwen sind auf ihre Art (die je nach Spezies zwischen betriebsamem Dammbau und kompletter Trägheit variiert) interessant zu beobachten. Sehr zu empfehlen, wer Tiere mag, die in freier Natur kurz vorm Aussterben stehen und in Forschungsprojekten des Zoos gerettet werden.

Adams Morgan ist der anschließende Stadtteil, in dem wir vor vier Jahren mit den Jungs gewohnt haben und in dem entlang der Columbia Road und der 18th Street Bars und Restaurants mit weltweitem Essensangebot aufwarten. Hierhin werde ich sicher noch oft wiederkommen, um zu essen und zu trinken und in entspannter Umgebung Zeit zu verbringen. Wandmalereien und eine freundliche Atmosphäre vermitteln ein gewisses Gefühl der Leichtigkeit, gar Vergleiche mit Berlin sind hier möglich. Den Namen bekam das Viertel übrigens in den 60er Jahren, als die Rassentrennung in Schulen aufgehoben wurde und die weißen Schüler (aus der Adams School) und die schwarzen Schüler (aus der Morgan School) fortan in einem gemeinsamen Gebäude untergebracht wurden. Auch heute noch ist das Viertel gemischt, vielleicht das gemischteste in DC. Die Bürgerrechtsbewegung hatte hier ihre ersten Erfolge und viele Anhänger. 

Multikulturell geht es auch in der anschließenden U Street weiter – zunächst zumindest, je weiter ich auf meinem Nachhauseweg Richtung North Capitol Street und damit auch zur Adams Street kam, desto schwarzer wurde es. Das ist eine Feststellung, die beim stetigen Fußmarsch irgendwann augenfällig wird, auch wenn man nicht genau die trennende Linie ausmachen kann. Nette Cafés und Diners säumten auch hier den Weg, ein Viertel, das einen näheren Besuch lohnt. Demnächst dazu dann mehr.

Insgesamt hatte ich nach diesem Tag voller neuer und höchst unterschiedlicher Eindrücke ein wenig das Gefühl, wie Hugh Grant in der großartigen Szene aus Notting Hill immer weiterzulaufen und dabei durch so viele verschiedene Kontexte zu geraten (bei Grant waren das die Jahreszeiten, bei mir die lokalen Umgebungen), dass man kaum glauben kann, dass das alles entlang von rund 7 Kilometern aufgereiht ist. Der Unterschied zum Film war, dass nicht Ronan Keating den Soundtrack lieferte mit „She´s gone away“, sondern die Großstadt mit ihrem steten Hintergrundgeräusch aus Verkehrslärm, Sirenengeheul, Gesprächsfetzen und Vogelgesang.

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Spaziergang auf der Mall

Posted by danielsprenger - Samstag, 2 Mai 2009

Historisch und monumental war der Donnerstag, abwechslungsreich und multikulturell der Freitag: Auf zwei sehr ausgiebigen Spaziergängen habe ich mich bei stabiler Bewölkung ohne Regen auf die weitere Erkundung der Stadt gemacht. Es folgt hier die Schilderung des ersten Weges, der mich über mir von der 2005-Reise zum Teil noch geläufige Pfade vom Kapitol übers Lincoln Memorial bis nach Georgetown führte.

Anders als damals war der Kongress jetzt jedoch für Besucher geöffnet, das neue unterirdische Visitor Center ist auf einen Massenansturm ausgerichtet, der an diesem Tag vornehmlich von Schulklassen geprägt war. In einem kurzen Film wurde eingangs erläutert, wie aus vielen Teilen eine Nation entstanden ist (was also hinter der Losung „e pluribus unum“ steckt, die auf jedem Dollar-Schein und den Wappen der USA zu finden ist) und wie dieser Interessenpluralismus im Kongress eine friedliche Kompromissfindung erfährt. In einer optisch und inhaltlich sehr gut aufbereiteten Ausstellung konnte man nähere Kenntnisse  zur Geschichte und zur Arbeitsweise der zwei Kammern des amerikanischen Parlaments erhalten. Mit einem Guide gelangte man dann in die Rotunde, die durch ihre architektonische Schönheit und lichte Höhe von rund 55 Metern beeindruckt. Bedeutende Szenen der amerikanischen Geschichte sind hierin in Bildern festgehalten: Von Kolumbus Landung über die Taufe Pocahontas bis zur Vereidigung George Washingtons zum ersten Präsidenten des Landes. Neben dieser historischen hat die Kuppel auch eine geografische Bedeutung: Genau in der Mitte unter ihr liegt der Punkt, von dem ausgehend alle Straßen in Washington ihren Namen erhalten haben: Legt man zwei sich in diesem Punkt rechtwinklig schneidende Linien in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung auf den  Stadtplan, so ergeben sich vier Quadranten: Northwest, Northeast, Southeast und Southwest. In jedem gibt es die gleichen Straßennamen, die entweder mit Zahlen (Nord-Süd-Ausrichtung) oder Buchstaben (Ost-West-Ausrichtung) angegeben sind und nur durch den Zusatz NW, NE, SE oder SW klar zuzuordnen sind. Der nordwestliche Quadrant ist mit Abstand der größte, in ihm liegen die meisten Sehenswürdigkeiten. Bislang habe ich mich auch noch nicht aus ihm herausbewegt. Auf der Mall, die den nordwestlichen vom südwestlichen Bereich trennt, kann man allenfalls zum Grenzgänger werden, angesichts der Weite und der monumentalen Anordnung der Memorials wird man sie jedoch kaum verlassen. Die Mall ist, so konnte ich der Erklärug eines Vaters an seinen kleinen Sohn entnehmen keine Shopping Mall, sondern etwas ganz anderes, nämlich eine große lange Grasfläche mit vielen wichtigen Gebäuden drauf. So kann man es auch sagen.

Ich brauchte rund zwei Stunden vom Kapitol zum Lincoln Memorial, zwischendurch war ich kurz im Old Post Office Pavillion im Food Court essen (die Jungs werden sich erinnern!). Am Washington Monument sowie an den Memorials für den Zweiten Weltkrieg, den Amerika im Atlantik und im Pazifik siegreich beendete, und den Vietnam-Krieg, der verloren ging, vorbei gelangte ich rechtzeitig zur Dämmerung zu den Stufen des Lincoln Memorial, in dem wie in den Herzen der Amerikaner die Erinnerung an den Retter der Union wachgehalten wird.

Das Projekt des Zusammenhaltens der Staaten war für Lincoln laut eigener Aussage entscheidender als die Befreiung der Sklaven: „If I could safe the Union without freeing any slave I would do it“. Für ihn, den erklärten Gegner der Sklaverei und Verteidiger der in der Unabhängigkeitserklärung aufgeführten unveräußerlichen Rechte aller Menschen und des Grundsatzes „All men are created equal“ hatte die Sicherung der Einheit oberste Priorität. Der vom Norden gewonnene Bürgerkrieg machte dann auch die Abschaffung der Sklaverei im Süden möglich, so wie von Lincoln intendiert. Ein strategisch denkender Politiker mit Weitblick, der aufgrund fester Überzeugungen handelte, wird hier geehrt. An diesem Donnerstag bestimmen wie schon im Kapitol vornehmlich Schulklassen das Bild, eine mit einem T-Shirt, auf dem stand: „In Washington D.C., it´s all about me“, darunter ein Konterfei von George Washington. Naja… Lincoln beweist das Gegenteil. Die große Statue blickt von den Anstrengungen der Präsidentschaft gezeichnet und dennoch gütig aus der einem griechischen Tempel nachempfundenen Halle über die Mall. Auch ich verharrte einige Minuten und betrachtete das sich im Reflecting Pool spiegelnde Washington Monument. So ähnlich hat das auch Martin Luther King gesehen, als er im August 1963 zu seinen berühmten Worten ansetzte: „I have a dream“ – 46 Jahre später ist ein Schwarzer Präsident. Ob der Reverend das für möglich gehalten hat?

Nur etwas nördlich der Mall liegt der Watergate-Komplex, eigentlich müsste man diesen hässlichen Betonklotz aus den 60ern zum Nixon Monument erklären, doch widerspräche das wohl dem guten Geschmack noch mehr als seine Architektur. Hier fand jener Einbruch ins Wahlkampfhauptquartier der Demokraten statt, der Nixon knapp zwei Jahre später das Amt kosten sollte. Nicht nur aus politischem Interesse trieb es mich bis hierher und dann noch weiter bis nach Georgetown, nein, auch aus monetären Gründen: Ich musste dringend Geld abheben, um Paula meine Miete zu bezahlen. Doch weder rund um Watergate noch bei der Washington University konnte ich einen ATM (Automatic Telling Machine=Geldautomat) finden. Schließlich dann der Erfolg auf der M Street: SunTrust gab mir die gewünschten 700 Dollar; auch wenn meine Sparkassen-Karte nicht akzeptiert wurde: Meine Kreditkarte wurde begierig belastet.  Hoffentlich nicht über Gebühr…

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The capital of the world

Posted by danielsprenger - Donnerstag, 30 April 2009

Welcome to DC, der Hauptstadt der Welt (und ihrer Probleme), dem melting pot der Kulturen (und ihrer Konflikte), dem Ort der Wichtigen und Mächtigen (und der Vernachlässigten), der Stadt voller Monumente und Museen (und voller heruntergekommener neighbourhoods und vernagelter Häuser), Sammelpunkt der Ehrgeizigen und Lebensfrohen, Konzentrationspunkt vieler Verrückter, jener vom äußeren Erscheinungsbild her so unamerikanischen Stadt ohne Hochhäuser, in der dennoch die ganze Nation in all ihrem positiven wie negativen Facettenreichtum gespiegelt wird und in der die Geschichten nur so auf der Straße zu liegen scheinen – kurzum, willkommen in Washington, der Welthauptstadt der Journalisten!

Seit vorgestern abend (Ortszeit) bin ich nun hier. Der Transatlantik-Flug verlief ohne Probleme, zwischenzeitlich etwas heftige Turbulenzen legten sich wieder, als Kapitän Steve Higgins den Jetstream (bei knapp 200 km/h Gegenwind, siehe Foto) wiederfand – und ich meine Ruhe. Drei Filme wollte ich sehen: Frost/Nixon war eine großartig erzählte Geschichte zweier ungleich-gleicher Männer, die beide im Duell zu gewinnen glaubten, ehe klar wurde, dass nur der moralisch nicht verkommene, gleichwohl aber bis an die Grenzen des Zynismus ehrgeizige Journalist Frost das Rennen machen würde. Slumdog Millionaire hat zurecht den Oscar gewonnen, ich war begeistert. Nach diesen zwei schonmal sehr guten Filmen und zwei Fläschchen französischem Rotwein wollte ich auch noch Memento sehen. Spannend und irritierend erzählt hielt er mich wach, bis – ja, bis zehn Minuten vor Ende der Landeanflug begann und das Bordkino ausgemacht wurde. Damn it!

Naja, wenigstens war ich jetzt nach knapp acht Stunden endlich auf dem Dulles International Airport angekommen, erhielt problemlos meine Einreisegenehmigung („So, you are interning here?“ war die einzige Frage des Officers) und machte mich in sommerlicher schwüler Hitze auf nach 74 Adams Street NW. Dort begrüßte mich Paula, meine Vermieterin, sie hatte sogar noch Nudeln für mich gemacht, und wir redeten noch eine ganze Weile. Dann fiel ich todmüde ins Bett, um gestern Morgen rechtzeitig wieder wach zu werden und mit Paula einkaufen zu fahren. Leicht überfordert von dem unschlagbaren amerikanischen Warenangebot und der kompliziert zu durchschauenden Preisauszeichnung im Safeway (übrigens der gleiche, in dem wir vor vier Jahren auch schon eingekauft haben!) dauerte es länger als ich gewöhnlich bereit bin in solche Dinge zu investieren. Nun habe ich aber einen Grundstock an ziemlich teuren, in ziemlich großen Verpackungseinheiten verstauten Waren.

Mein Zimmer bei Paula ist sehr groß, es verfügt über einen schönen Balkon mit Blick in den ruhigen Hinterhof, an dem die Müllabfuhr-Allee vorbeiführt. Das Haus ist relativ alt und im typischen Georgetown-Stil errichtet. Es ist das Reihenendhaus in einer netten, mit Bäumen bewachsenen und gepflegten Wohnstraße, die aber nunmal nicht in Georgetown liegt. Das ist zum Beispiel daran zu merken, dass Paula tendenziell die einzige Weiße ist, die hier wohnt. Und daran, dass Schilder angebracht sind, die Kriminelle davor warnen, dass ihr Verhalten von den Anwohnern beobachtet und gegebenenfalls der Polizei gemeldet wird. Aber keine Sorge: Hier ist es auf jeden Fall sicher. Anders als früher: Vor zwanzig Jahren, so Paula, musste sie ständig die Polizei rufen, weil in der Allee nebenan Drogendealer mit ihren Waren und Pistolen gestanden hätten. Das ist zum Glück vorbei. In diesem Viertel, das seitdem einen Aufschwung erlebt hat. Dafür wird es anderswo nun die gleichen Probleme geben. 

Als ich mich gestern nachmittag aufmachte, die Stadt zu erkunden, ging es mit dem Bus zunächst die North Capitol Street entlang zum – ja, das war einfach: Capitol.  Auch im Regen machte es, genau wie der Supreme Court und das Weiße Haus, noch einen starken Eindruck, nur Downtown mit seinen grauen Ministerien wirkte etwas trist. Am Interessantesten war jedoch etwas anderes: Unterwegs war an einigen Ecken besagter Verfall nämlich deutlich zu sehen: Mit Spanplatten vernagelte Häuser, die vergeblich auf Käufer warten, vor ihnen mit Alkohol und/oder mit Drogen vollgepumpte Männer, die herumlungern und deren Leben eigentlich schon vorbei ist, auch wenn sie noch atmen. Subway hat hier bereits geschlossen, der Liqour Store hingegen nicht. Er ist der Rettungsanker in einer von allen guten Geistern verlassenen Ecke der amerikanischen Hauptstadt, die dann aber doch nur ca. 1 km vom Sitz der beiden Kammern des US-Parlaments entfernt ist. Diese räumliche Nähe bei gleichzeitiger unendlich weiter menschlicher Entfernung zwischen diesen beiden Extremen ist mit ins Auge gestochen. Es wäre ein potenzielles Thema für eine Reportage. Wie eingangs gesagt: Die Geschichten liegen auf der Straße, man stolpert über sie, eine Erklärung des Offensichtlichen und Widersprüchlichen müsste jedoch tiefer graben und die Ursachen dafür feststellen. Ich werde versuchen, mit einem Blick für das Berichtenswerte durch die Straßen hier zu laufen oder (wo es angebracht ist) zu fahren. Neuigkeiten dann hier im Blog.

Aufgrund der Möglichkeit, über das ZDF einen Einblick in das journalistische Leben dieser Metropole zu erhalten, bin ich ja überhaupt nur hierher gekommen. Die Hospitanz beginnt am nächsten Montag, Zeit genug also, bis dahin die Stadt weiter kennenzulernen und nach möglichen Themen zu forschen. Ich werde mich jetzt wieder auf den Weg machen. Das Kapitol will von innen erkundet werden. Das geht neuerdings. Ich bin gespannt!

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Mainz bleibt Mainz

Posted by danielsprenger - Dienstag, 7 April 2009

Station zwei meiner diesjährigen Praktikumsreise: Mainz, im schönen Rhein-Main-Gebiet. Schon die Zugfahrt von Köln war landschaftlich äußerst beeindruckend, es ging meist direkt am Rhein entlang; das an einigen Stellen sehr schmale Tal presste Straße, Bahnlinie und Fluss dicht aneinander, erst hinter der Loreley wurde die Landschaft wieder breiter und ebener.

Mehr als drei Wochen ist der Abschied von Köln nun schon her. Am 15. März musste ich Ulrikes nette Wohnung verlassen. Es wartete auf mich: Ein zu teures Zimmer in einer anonymen Wohnblocksiedlung, in der man sich nicht Guten Tag sagt, wenn man sich begegnet (mein erster Gedanke, als ich aus dem Taxi stieg, war: So wohnen auch Schläfer, die sich zu Terroristen mausern, in der Presse heißt es dann über sie: „Unauffällig lebte Fritz-Peter Muhammed in einer Siedlung am Stadtrand nahe der Autobahn“). 600 Euro kostet der Spaß für den Monat, wenigstens verfüge ich für diese stattliche Summe über einen Balkon, von dem die sanft geschwungenen Höhenzüge des Taunus zu sehen sind. Oder besser gesagt: Zu sehen waren. Denn seit es so warm und sonnig geworden ist, verliert sich das Gebirge im Dunst und ist nur noch gelegentlich auszumachen. Dafür sprießen überall die Knospen, von Tag zu Tag wird die Umgebung grüner, Kirschen und einige Sträucher blühen bereits, die Luft ist erfüllt vom süßen Duft des frischen Frühlings.

Und ich sitze in meiner kleinen Butze, habe keinen zum Sprechen und schreibe eine Hausarbeit nach der anderen. Manchmal ertappe ich mich, dass ich mit meinem eigenen Spiegelbild rede – bevor ich irritiert den Kopf schüttle und denke: Nein, verrückt bist du nicht, dir geht es doch ganz gut hier. Stimmt auch wieder: Im Fernsehen das zu sehen, was ich will (also viel), ohne Kompromisse suchen zu müssen, dann in Ruhe besagte Hausarbeiten abschließen, das bringt einen durch die Wochen. Und mittlerweile ist bis auf ein Essay alles an Uni-Kram fertig. Was für ein Gefühl. Zum Glück wird dann in den nächsten Semestern auch erstmal nichts mehr folgen, schon allein deshalb, weil keine Semester mehr folgen… doch dazu später mehr.

An diesem Wochenende war ich trotz der noch anstehenden Schreib-Fleißarbeiten ein ganz ein Verrückter: Ich war doch tatsächlich das erste Mal in der Stadt und dabei angenehm überrascht:  Die Rheinpromenade lädt zum Sonnenbaden ein, auf der Theodor-Heuss-Brücke verläuft die Landesgrenze zwischen Rheinland-Pfalz und Hessen, kenntlich durch Ortsschilder in der Mitte und die jeweiligen Landesflaggen an den Brückenköpfen, die Altstadt ist zwar klein, aber sehr sauber herausgeputzt. Und dann natürlich der Dom:  Das Wahrzeichen der Stadt, ockerfarben steht er dort, mit seinen zwei großen Türmen, der eine romanisch, der andere gotisch, innen sehr dunkel, außen von einer gewissen verspielten Heiterkeit, ein Kontrast, wie er wohl nur im Katholizismus zu finden ist. Das Bauwerk ist mächtig, ein Eindruck, der durch den direkten Kontrast zu den am Marktplatz bis an die Kirchenwände gebauten normalen Häusern verstärkt wird. Was ich vorher nicht wusste: Mainz war lange das größte Bistum der katholischen Kirche, der Erzbischof war in dieser Hochzeit das geistliche Oberhaupt über ein Gebiet, das von Prag bis Zürich und bis Verden an der Aller (!) reichte. Das dürfte die Wuchtigkeit des Baus erklären.

Schön ist Mainz also durchaus  – nur fürchte ich auch, dass es auf Dauer etwas langweilig ist. Das ist dann auch der einzige Nachteil, den das ZDF bietet. Will man auf dem Lerchenberg – also im Sendezentrum, wo auch die Aktualität, der Sport und die meisten anderen Redaktionen ihren Sitz haben – arbeiten, so muss man diese lokale Gegebenheit in Kauf nehmen. Die Arbeit ist es sicher wert, die Atmosphäre ist wie in einer kleinen Stadt, in der man mit fast jedem irgendwie bekannt ist: Es gibt passend dazu eine eigene Sparkassenfiliale im Sender, einen Flug- und Bahnschalter, einen Friseur, einen Einkaufsladen und natürlich die Kantine. Das alles im leicht spacigen, funktionalistischen, von Metall und Glas geprägten 80er-Jahre-Look, der über gewisse biedermeierliche Einschläge verfügt und dessen Innenausstattung einen eigentümlichen Geruchseffekt ausbreitet. Eine Welt für sich. Wenn Brecht sagt, der Pass sei der wertvollste Teil des Menschen, so dürfte das hier leicht umgewandelt auch zutreffen: Der ZDF-Ausweis ist der wertvollste Teil eines Mitarbeiters. Denn nur mit ihm öffnen sich alle Türen (und auch der Weg ins Sendebetriebsgebäude, jenen bunten Rundbau mit seinen verwirrenden Gängen, in dem die drei Studios untergebracht sind).

Ich werde nur noch zwei Tage über diesen Ausweis verfügen, dann endet meine Zeit hier schon wieder. Hauptsächlich zu den ZDF Spezials zum G20-Gipfel und zum NATO-Jubiläum habe ich in der Hauptredaktion Außenpolitik recherchiert und Fakten gesammelt. Eine spannende Zeit, in der ich viel über wirtschaftliche Zusammenhänge gelernt habe, quasi nebenbei. Zum großen Finale kommen meine Eltern übermorgen, um Mainz und Umgebung (Weinberge, Flüsse, Taunus) zu sehen und mich abzuholen – gemeinsam werden wir am Samstag das aktuelle sportstudio besuchen.

In Mainz endet meine Zeit beim ZDF – im Mai geht sie im Studio Washington weiter; dort ist dann die dritte Station meiner Praktikumstour 2009. Nur noch drei Wochen, dann fliege ich. Die Vorfreude wächst, mit dem Visum ist alles durch, eine Wohnung habe ich auch schon gefunden. Alles läuft also prima.

Am besten ist meine Bewerbung um ein Volontariat beim NDR gelaufen: Ab August werde ich dort das lernen, was ich hier schon mache und später machen will: Radio-, Fernseh- und Online-Journalismus in einer der besten, wenn nicht dem besten Ausbildungsort, den es dafür in Deutschland gibt. Dieses Jahr scheint mein Jahr zu sein. Bislang, so muss ich leider mit Hinwendung zu einem sich selbst als Comedian bezeichnenden Menschen (wobei Comedy ja eigentlich was mit Witz und nicht uraltem Aufguss unlustiger Dinge zu tun hat), also unter Verwendung eines Zitats von Mario Barth, sagen: Läuft!

Und weil gerade alles so toll ist, ich das aber mit keinem feiern kann (bis ich nächste Woche mal endlich zuhause und die Woche drauf in Berlin bin) – so sage ich: Geht hinaus, freut euch des Lebens, genießt das Wetter. Genau das werde ich auch gleich machen, mich ein wenig an den See setzen, in dem Enten und Schwäne schwimmen. Natürlich auf ZDF-Gelände, es gibt nichts, was es hier nicht gibt. Auch den Osterhasen habe ich vorhin schon dort vorbeihoppeln sehen!

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Kölle Alaaf!!! Da simmer dabei! Dat is prima!

Posted by danielsprenger - Samstag, 28 Februar 2009

Vorhang auf und Bühne frei, Zauberspiel und Gaukelei! (Die Höhner)

Da bin ich wieder. Aus Köln melde ich mich nach über einem Jahr Funkstille online zurück. Anlässlich eines vierwöchigen Praktikums bei i&u TV hat es mich in die schöne Stadt am Rhein verschlagen.

Vorhang auf und Bühne frei!

Ein gnadenlos genialer Zufall, dass der Praktikumsbeginn mit der Karnevalswoche zusammen fiel. Welch Koinzidenz. Immer schon wollte ich zur Karneval mal in Köln sein. Und, was soll ich sagen?

Jetzt geht´s los, wir sind nicht mehr aufzuhalten!

Einfach unglaublich, wie sich die Menschen im Engelbät, einer Kneipe nahe der Zülpicher Straße stundenlang in den Armen liegen, schunkeln, singen und klatschen, tanzen, trinken und springen. Und das von Donnerstag bis Dienstag. Doch der Reihe nach… es folgt eine Erzählung der letzten zwei Wochen, in denen der Karneval dominierte und die deshalb nicht umhin kann, dort den folgenden Text gliedernde Anklänge zu nehmen!

Su simmer all he hinjekumme (Bläck Fööss)

Am Samstag, den 14. Februar, machte ich mich von Berlin aus auf nach Köln! Ich erreichte die Wohnung von Ulrike, meiner großartigen Vermieterin und fühlte mich sofort wohl bei ihr und Christina, ihrer Tochter. Vielen Dank an Lea für die Vermittlung. Mittlerweile ist die kleine, derzeit durch kollektives Husten und Halskratzen zu erkennende WG angewachsen: Seit Mittwoch wohnt auch Woody, ein stark behaarter und recht zutraulicher Kater, hier.

Mir sprechen hück all dieselve Sprooch

Naja, fast zumindest… Denn am ersten Abend, nachdem ich den Auftritt von Paulsrekorder im Vorprogramm von Mia im Palladium sehen durfte und dabei von beiden Gruppen ziemlich begeistert war, ging ich aufgrund akuten Hungergefühls in der Keupstraße auf und ab, auf der Suche nach einem Döner-Laden, in dem nicht eine absurd lange Schlange stand bzw. nicht vorbestellte Döner im Dutzend gemacht wurden. Schließlich wurde ich fündig und stellte fest, dass die türkische Gemeinde hier in Köln doch anders drauf ist als in Berlin: Die Döner-Männer sind nicht einfach nur kleine Imbissbuden, sondern regelrechte Restaurants, die auch nachts um ein Uhr noch voll sitzen. Es gibt nicht die geschmackliche Soßen-Dreifaltigkeit „KräuterKnoblauchScharf“ wie in Berlin, sondern die Wahl zwischen Tzatziki und Chili. Ungewohnt, aber nicht schlecht, der Döner mit Echtfleisch, zur Wahl stehen Lamm oder Rind, ist größer und insgesamt auch lecker! Mülheim ist ähnlich wie Neukölln von der Bevölkerungsstruktur, wobei ich sagen würde, dass die türkische Gemeinde hier nicht so stark wie in Berlin von Studenten oder anderen Einheimischen ergänzt wird. Genauere soziologische Studien diesbezüglich werde ich in den nächsten Wochen noch anfertigen.

Nä, wat wor dat dann fröher en superjeile Zick (Brings)

Langsam, aber sicher ging es nach dem Praktikumsbeginn am 16. Februar und einer interessanten und von den beruflichen Kontakten her sehr ansprechenden After-Show-Party von sternTV am Mittwoch auf die tollen Tage zu. An Weiberfastnacht waren die Kollegen ab mittags zumeist nicht mehr auf der Arbeit, es herrschte Stille auf den Bürofluren am Hohenzollernring, dafür laute Feierstimmung in der Innenstadt. Auch ich ging etwas eher, auf dem Neumarkt war eine Bühne aufgebaut, einige Karnevalsgruppen traten auf, die Menschen tanzten im leichten Schneefall. Sowas gibt es in Berlin auf Straßenfesten auch (gut, dann eher ohne Karnevalslieder vom Schlage: „Über Köln da lacht die So-hon-ne, über Düsseldorf die Welt“). Doch was danach kommen sollte, war einzigartig. Sowas habe ich nie zuvor erlebt.

Et Schönste, wat m’r han, schon all die lange Johr, es unser Veedel

Entweder man mag Karneval oder man hasst es. Vom ersten Moment an wird man sich für eine Seite entscheiden. Es gibt nichts dazischen. Grautöne sind unzulässig!

Als Clown

Am Donnerstag bin ich zunächst mit Jan, dem Freund von Ulrike, der jedes Jahr zum Karneval aus Amsterdam kommt, in den Rather Hof gegangen, eine kleine Kneipe hier im Ort. Dort war es um 22 Uhr (nach ca. 12 Stunden Feierei) noch gut gefüllt, es lief neben Karnevals- auch normale Partymusik. Für einen ersten Einblick nicht schlecht. Man tanzt und trinkt ein Kölsch (hier tatsächlich nur 0,2l fassend) nach dem anderen und merkt kaum etwas davon. Ich war übrigens als Kultur-Attaché verkleidet. Als solcher, der mit der Kulturtasche auf dem Kopf einen perfekten, aber auch schweißtreibenden Kontrast zur blauen Uniform mit roter Schärpe schafft, ging ich auch am Freitag ins Engelbät.

Mit Jan - Maler und Kulturattasche Der sogenannte Kranz bringt Nachschub Stärkung vor dem Party-Sturm

Drink doch eine met, stell dich nit esu ahn! (Bläck Föös)

Hier merkte ich dann sofort, dass das ein wahnsinnig lustiger Abend werden würde. Vor der Tür mussten wir etwas warten, erst wenn Leute die kleine Kneipe verließen, wurden wieder neue hineingelassen. Bons für Kölsch (sogenannte Biermarken) konnten schon draußen gekauft werden, immer nur im 10er-Pack. Sie konnten dann, immerhin für 0,3l-Gläser, abgegeben werden. Beim Kellner, der sich mit dem mit ausgestreckten Arm getragenen Kranz einen Weg durch die dicht an dicht stehenden Jecken bahnen musste. Und es wurde ununterbrochen getanzt und mitgesungen, auch von mir. Auch wenn ich die Texte der ultimativen Bands Höhner, Bläck Fööss oder Brings zumeist nicht kannte, bei den Refrains war ich schnell textsicher. Außerdem bekommt man, sofern man bereit ist, sich darauf einzulassen, schnell das Gefühl, für das die Höhner Köln so loben:

Da simmer dabei, dat is prima! Viva Colonia!

Wir waren lange dabei, bis um fünf. Am nächsten Morgen ging ich mit Jan in die Sauna, was ich eine Stunde vor der Abfahrt und ziemlich durcheinander vom Abend vorher kaum gedacht hätte. Aber eine kleine Kopfschmerztablette zum Frühstück wirkt wahre Wunder. Durchs Schwitzen in der sehr schön gestalteten Saunalandschaft in Bergisch-Gladbach wurden dem Körper auch viele der zuvor aufgenommenen Giftstoffe wieder entzogen. Abends waren wir dann wieder fit, es ging erneut ins Engelbät. Diesmal war es dort noch schöner.

Du bes Kölle, ob de wills oder och nit (Tommy Engel)

Auch als Neuling wird man herzlich aufgenommen an Fastelovend, kurze Gespräche mit anderen zeigten mir, dass ich nicht der einzige Auswärtige war. Und wer das einmal mitgemacht hat und wem das dann gut gefallen hat, der kommt wieder. Ich auch. Am Samstag ging ich übrigens als Clown und nach genau elf Stunden Aufenthalt in der Kneipe wieder nachhause, um vier Uhr. Bemerkenswert daran ist, dass die Kölner es tatsächlich schaffen, ca. sechs Stunden mit Liedern über ihre Stadt und deren markante Bauwerke zu füllen.

Mer losse d´r Dom in Kölle (Bläck Fööss)

Ulrike und ich beim Zug Originelles Gefährt

Am Sonntag guckten wir uns den Zug in Brück an, einem kleinen Nachbarort. Im strömenden Regen gingen wir dorthin, praktisch, dass ich mich spontan als Angler mit wasserfester Jacke verkleidete. Kamelle und Strüssje wurden geworfen, in die Pfützen und in die Taschen. Das entspannte Tatortgucken am Abend war ein Ausgleich zu den Tagen davor. Am Montag ging es für mich dann zum letzten Mal ins Engelbät. Obwohl es sich alles zum dritten Mal wiederholte, war es kein bisschen langweilig, sondern wieder ein netter, lustiger Abend. Nur dass man die Leute jetzt schon wiedererkannte und sie einen auch. Ich wurde gefragt, wo ich denn meine Kulturtasche gelassen habe. Aus Geruchsgründen daheim, gab ich zurück. Für viel mehr Worte reichen die kurzen Pausen der Musik oder vorübergehende Auszeiten auf der Empore nicht. Das ist einerseits schade, mit manchen würde man sich gerne länger unterhalten, doch ist der Sinn des Ganzen ja nicht, Smalltalk zu führen, sondern Spaß zu haben. Und den hatte ich, und zwar so wie selten zuvor! Dass ich am Dienstag wegen des Volontariat-Auswahlverfahrens nicht mehr in Köln sein konnte, um der traditionellen Nubbel-Verbrennung vor der Kneipe beizuwohnen, war schade. Und so gilt wohl, was Brings zum über die schöne alte Zeit singen und was ich auf die nun gerade vergangene tolle Zeit übertragen möchte:

Mit Träne in d’r Auge loor ich manchmol zurück!

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Dann sollen sie halt Kuchen essen!

Posted by danielsprenger - Dienstag, 12 Februar 2008

Im Jahre 1789, am 6. Oktober, also knappe drei Monate nach Ausbruch der Französischen Revolution, machten sich einige Pariser Frauen auf den Weg nach Versailles, um die Königsfamilie von dort nach Paris zu holen, sie sollte nicht mehr abgeschieden auf einer Wolke des Luxus fernab der realen Probleme der Hauptstadt schweben. Dieser Marsch der Frauen ging in die Weltgeschichte ein.

Am 11. Februar des Jahres 2008 machten sich ein Deutscher und eine Österreicherin (und damit eine Landsfrau Marie Antoinettes) ebenfalls auf den Weg nach Versailles. Mit dem Rad. Die von den beiden jungen Studenten durchgeführte Tagestour sollte in meine persönliche Paris-Geschichte eingehen. Darum erzähle ich sie hier.

Bis zur Porte d´Auteuil waren es von mir schon 45 Minuten, nach Versailles ging es dann über die Vororte St. Cloud, Sevrès und Viroflay, wobei zwischendurch die ein oder andere längere Steigung zu bemerken war. Für den Marsch der Frauen war damals eine akute Hungersnot nach mehreren Missernten ein Hauptgrund. Als sie ihr Leid vor dem Schloss bekundeten, soll Marie Antoinette gesagt haben: Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie halt Kuchen essen! Getreu dieser Devise ließen wir uns nicht lumpen und suchten zunächst einen Bäcker, nachdem wir in Versailles nach einer guten Stunde angekommen waren. Auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin fanden wir zudem einen Dönermann, der ungefragt zwei Döner machte, obwohl ich nur einen bestellt hatte.

zwei-esel.jpg

Das Wetter spielte wie schon seit fünf Tagen mit und bescherte uns einen Foto-Himmel über dem von schon erwähnter österreichisch-stämmigen Königin in Auftrag gegebenen Bauernhof in einer Ecke des riesigen Schlossparkes. Ich hatte von seiner Existenz nichts gewusst und freute mich umso mehr über die Begegnung mit einem Esel. Desweiteren gab es dort noch eine große schwarze Kuh, Hühner, Enten, Tauben, Truthähne und Ziegen.

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Nach einer kurzen Pause am großen See machten wir uns auf den Rückweg. Den Ort verließen wir auf einer sehr steil bergan steigenden Straße, ich gebe zu: Ich musste das letzte Stück schieben, um danach nurmehr herunter zu fahren, was sehr gut ging. St. Cloud, Suresnes und schließlich der Bois de Boulogne, von wo aus man La Défense, Europas größtes Büroviertel, mal in seiner ganzen Pracht bewundern konnte.

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Ein rundherum perfekter Tag, einer der schönsten in Paris für mich. Heute habe ich zwar starken Muskelkater wegen des zu kleinen Fahrrads, doch der Ärger darüber, dass 50 Meter vor dem Pariser Ortsschild mein Hinterreifen platzte, verflog sehr schnell. Ich konnte so guten Gewissens mit dem RER weiter nachhause fahren, mir einen neuen Schlauch kaufen und das Rad sofort reparieren. Das gelang mir recht schnell, worauf ich zu Recht stolz bin, wie ich finde!

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Alles genietet!

Posted by danielsprenger - Sonntag, 10 Februar 2008

„Das muss man gesehen haben!“, meinte Jakob, als er gefragt wurde, ob ihm Paris gefallen hat. Recht hat er! Und wenn man es genauer wissen will, dann muss man halt länger hier wohnen. Doch für einen ersten Einblick war es nicht schlecht, dieses Wochenende, das wir unseren Großeltern zu Weihnachten geschenkt haben. Herrlichstes, frühlingshaftes Wetter ließ den Himmel im eigentümlichen Paris-Blau erstrahlen. Seit vier Tagen ist das so. Es ist wirklich so, dass die Stadt bei Sonne ganz anders aussieht. Der helle Sandstein, aus dem sie größtenteils gebaut ist, reflektiert das milde Sonnenlicht leicht diesig (manche würden sagen: diffus!), große Friedfertigkeit und Ruhe ist so in jedem Park anzutreffen, auch wenn er, wie heute der Jardin du Luxembourg, stark überlaufen ist. Doch der Reihe nach:

Am Donnerstag abend kamen meine Eltern und Großeltern im Hotel Les Gobelins an. Zwar war Opa etwas enttäuscht aufgrund der Größe der Rezeption („so klein?!“), mit dem Zimmer aber durchaus zufrieden. In der Rue Mouffetard wollten wir „Chez Nadine“ lecker essen, wurden aber später recht unwirsch dazu aufgefordert, den Platz zu wechseln, und das hatte folgenden Grund: Opa wollte nichts essen und nur Wasser, das es umsonst gibt, trinken. Das gefiel der Nadine nicht besonders, sie war dann eher so: „Ne, komm, das ist jetzt nicht so gut, fünf Personen, davon essen nur vier, dieser Tisch ist für acht Personen, da setze ich Sie mal um, ja?!!“ Nur muss man dazu sagen, dass es schon 22 Uhr durch war, und in der Tat kam danach kein Mensch mehr, die ganze Aufregung umsonst. Da ich Kopfschmerzen hatte, ging auch die Bestellung etwas durcheinander. Vegetarischer Teller, zuerst bestellt, wurde ersetzt durch Huhn, doch noch in der Küche gefunden, wobei Boeuf Bourguignon eigentlich auch nicht kommen sollte, sondern lieber ein Schnitzel. Aber auch egal, Hauptsache es schmeckt. Das tat es – Opa, der eigentlich ja nichts essen wollte, probierte mal von jedem was, so wurden am Ende alle satt und konnten gemütlich nachhause schlendern.

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Freitag ging es dann zunächst in meine Wohnung. Oma war erstaunt über meine Anpassungsfähigkeit und leicht verwundert („Man kann sich mit allem arrangieren; du bist klar gekommen, das ist die Hauptsache!; Wie haben Marita und Jane hier geschlafen?“). Nach kurzer Zeit hatten wir in meinem halben Zimmer, Küche, Bad schon alles gesehen, was uns unter den Druck setzte, nun mal was wirklich Interessantes anzuschauen. Wir fuhren mit der Métro auf die Ile de la Cité, wo Notre Dame (überlaufen wie immer) besucht wurde, ehe wir uns im erblühenden Square du Vert Galant zu einem gemütlichen Mittagssnack auf der Parkbank einfanden. Über die Pont Neuf zum Louvre, durch die Tuilerien und bis zum Place de la Concorde. Der klassische Rundgang, diesmal bei Kaiserwetter, welche bittere Gefühle der Erinnerung gemischt mit blankem Neid nun bei Marita und Jane hochkommen müssen… Schließlich sind wir zum Eiffelturm gefahren, deren Konstruktion von Jakob besonders bewundert wurde („Alles genietet! Wie viele Nieten da wohl drin sind?“).

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Auf den Champs de Mars spielten ältere Franzosen Boule, das Klischee war übererfüllt. Abends ging es dann zu Chartier, dem Qualitäts-Restaurant im 9. Arrondissement. Dieses Mal wurden wir wieder nicht von dem merkwürdigen Kellner bedient, er war nicht zu sehen. Abends wollten wir mit Opa noch in eine Kneipe, die Studentenbar war ihm zu laut und die zweite Papa zu teuer (11 Euro für 0,5 l Bier, das habe selbst ich noch nicht gesehen, und das in der Rue Mouffetard, was für die Schickeria!), so dass wir in eine komplett leere gingen, in der der Koch (aus Mangel an anderweitiger Beschäftigung) hingebungsvoll seine Küche blank putzte. War trotzdem nett, lustige Geschichten von früher wurden dort zu Gehör gebracht…

Samstag ging es erst an meiner Uni vorbei in den Jardin des Plantes, zu den Arènes de Lutece (dem römischen Amphitheater von Lutetia, so hieß Paris damals, abgeleitet von einem keltischen Wort für „Sumpf“) und weiter nach Montmartre. „Wollen wir da ganz hoch, die vielen Stufen?“ Ja, sicher doch, Opa! Ist ja auch immer wieder lohnend, wieder unten zu sein aber auch eine Beruhigung… Nur das Moulin Rouge mag dann noch für leichten Schwindel sorgen!

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Am Kanal St. Martin war die Sonne zwar weg, aber der kleine Hunger da, mit Baguette und Camembert hielten wir dort Ausschau nach nicht mehr verkehrenden Booten. Nur der Rotwein fehlte, welch ein Stilbruch. Durch Araberviertel ging es schließlich in eine Brasserie, dann weiter zum Chartier, wo es erneut wunderbar schmeckte und reibungslos ablief (diesmal konnten wir aber die Oscar-würdige Performance des besagten Starkellners mit der trüben Brille aus der Ferne beobachten). Für den Nachttrunk bevorzugten wir eine Bar neben dem Hotel, in der wir nicht ganz alleine waren.

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Heute fuhr ich dann wie jeden Morgen mit dem Rad zum Hotel, wo Oma und Mama mich schon sehnsüchtig am Fenster erwarteten. Nach dem Frühstück standen dann noch St. Eustache („Das ist wirklich eine schöne Kirche, gut, dass wir reingegangen sind!“, Oma) und Les Halles, Centre Pompidou und schließlich der Jardin du Luxembourg auf dem Programm. Wir besorgten uns die schwer umkämpften Stühle mittels ausgefeilter Peiltechnik und Feinsensorik bezüglich baldigen Aufbruch der bisherigen Besitzer verkündender Zeichen. Mit einem Crèpe vom Petit Grec im Magen traten alle zufrieden, aber durchaus erschöpft die Heimreise an. Alles in allem war es eine lustige Zeit, in der ich, da wir viel gesessen haben, von einigen Plätzen, die ich sehr lieb gewonnen habe, schon mal Abschied nehmen konnte. Ich fahre ja demnächst nachhause. Es bleiben mir noch fünf Tage.

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